Romane und Geschichten über das Eiskunstlaufen

Manuel
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Eislaufgeschichten: Marie, die kleine Eisprinzessin

Beitrag von Manuel » Di 12. Dez 2017, 16:57

Ich schreibe u.a. auch Kindergeschichten, übers Reiten und Eislaufen. Auf meiner website findet ihr vieles kostenlos.(Die gedruckten Bücher von den Verlagen muss ich selbst kaufen.) Auf der linken Menueseite sind die Bloecke für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aufgelistet. Da gibt es sogar einen Eislaufkrimi. Einfach mit Manuel Magiera googeln oder http.://manuelmagiera.de.to.
Hier kommt also : Marie, die kleine Eisprinzessin. Die gibt es wirklich und ist jetzt gute zehnJahre jung. Ich hatte sie in Braunlage im Urlaub kennengelernt und der Axel machte ihr so großen Kummer. Da war sie erst Sieben! Als ihre Mutti mich darum bat, hab ich die nun folgende Geschichte geschrieben. Ich hoffe, sie gefällt euch. Lg Manuel

Marie, die kleine Eisprinzessin

Marie war ein hübsches dunkelhaariges Mädchen von sieben Jahren. Sie ging gerne zur Schule und lernte auch sehr gut. Maries größte Liebe aber galt dem Eiskunstlauf. Wie herrlich und glücklich fühlte sie sich doch, wenn sie ihr schwarzgoldenes Eislaufkostüm und ihre kleinen Schlittschuhe anziehen durfte! Über die weißen Stiefelchen trug sie goldene Schlittschuhschoner und ihr langes lockiges Haar band sie sich zu einem Pferdeschwanz zusammen, der, natürlich, von einem goldenen Band zusammengehalten wurde. Marie schwebte über das Eis. Seit sie denken konnte, erhielt sie Eislaufstunden und fuhr dafür auch im Sommer viele Kilometer aus ihrer Heimatstadt zu den Eisbahnen in den Harz. Dort erwartete sie stets ihre Trainerin, die ihr ganzes Können aufbrachte, um Marie das Eiskunstlaufen zu lehren. Marie konnte ganz viele schwierige Schrittfolgen und bereits so schnell wunderschöne Pirouetten drehen, dass einem als Zuschauer dabei fast schwindelig wurde. Ihre Mama begleitete sie und war immer an ihrer Seite, auch wenn Marie mal Kummer hatte. Und das kam in der letzten Zeit leider öfter vor.

Die kleine Eisprinzessin beherrschte nämlich auch schon die wichtigsten Sprünge. Nur, der Axel bereitete ihr Kopfzerbrechen. So sehr sich Marie auch abmühte, er wollte ihr nur selten gelingen. Und dabei machte sie doch alles richtig! Sie lief an, sprang ab und drehte sich eineinhalb Mal in der Luft. Aber dann, ja dann kam die Landung. Und die setzte nicht rechts rückwärts auf der Kufe auf, sondern meistens auf Maries Po. Irgendetwas fehlte da noch. Marie übte und übte und war ganz verzweifelt. Ihre Mama nahm sie dann in den Arm und versuchte sie zu trösten, aber auch das half nicht immer. Marie war einfach zu ehrgeizig. Sie wollte doch so gerne eine richtige Eisprinzessin sein und bei Wettbewerben gewinnen.
Nach einem anstrengenden Trainingstag, an dem ihr wieder der Königssprung nicht gelingen wollte, lag sie grübelnd im Bett. Marie hatte ein sehr schönes eigenes Kinderzimmer. Ihre hübschen Kleidchen hingen aufgeräumt im Schrank und ihre Stofftiere passten während der Nacht auf sie auf. An der Wand klebte eine niedliche himmelblaue abwaschbare Tapete. Was darauf zu sehen war? Eisbären, natürlich! Große und kleine weiße Bären, zum Teil nur mit ihrem Fell, aber andere waren auch schick angezogen. Doch das Besondere an den Bären, zu denen auch ganze Familien gehörten, war, dass alle Schlittschuhe trugen und in typischen Eislaufposen auf Marie herabschauten. Die hatte ihren Bärenfreunden natürlich auch schon Namen gegeben und oft, wenn sie nicht einschlafen konnte, unterhielt sich Marie mit ihnen. Ihr bester Freund hieß Nanuk. Das ist eskimoisch und bedeutet in der Eskimosprache: Eisbär. Nanuk war ein kleiner Eisbärenjunge, eingepackt in eine dicke hellblaue Winterjacke und ebensolchen Hosen. Auf dem Kopf trug Nanuk eine buntgestreifte Pudelmütze und an den Händen gleichfarbige gestrickte Handschuhe.

Huch! Marie, die sich mal wieder über ihre verpatzten Trainingssprünge ärgerte und eigentlich den Tränen nah war, blickte gebannt auf ihre Tapete. Irgendetwas stimmte da nicht, an der Wand. Richtig, jetzt erkannte sie es! Nanuks Pudelmütze fehlte. Wie konnte das geschehen? Marie suchte die ganze Tapete ab, aber nirgends war die Mütze zu sehen. „Nanuk, wo hast du denn deine Mütze gelassen? Es ist viel zu kalt, ohne Kopfbedeckung herumzulaufen. Auch für einen Eisbären!“, rief sie aus. Nanuk schüttelte traurig den Kopf. „Weiß nicht, hab ich wohl auf dem Schulweg verloren“, meinte er. Marie überlegte einen Moment. Sie schaltete ihre Nachttischlampe mit den vier Feen auf dem Lampenschirm an, sprang aus dem Bett und öffnete ihren bunten Schulranzen. Mit geübter Hand fand sie, was sie suchte. Sie zog ihre Federtasche heraus und in wenigen Minuten malte sie ihrem Bärenfreund Nanuk eine neue Mütze. Zufrieden besah sich Marie einen Augenblick später ihr Werk. Ein paar Ohrenschützer waren auch noch dazugekommen. „Ich will mich ja nicht loben, aber die sieht jetzt fast noch hübscher aus, als die Alte. Nun verlier sie nicht wieder“, sagte sie. Schnell holte sie einen Spiegel aus der Kommode und hielt ihn Nanuk vor. „Geil“, rief der spontan aus. „Danke, Marie. Hast was gut bei mir. Meine Mama hätte bestimmt geschimpft, wenn sie mich morgen früh ohne Mütze gesehen hätte.“ „Nicht der Rede wert. Wir sind doch Freunde!“, lachte Marie. Sie packte schnell ihre Federtasche wieder in den Schulranzen, wünschte Nanuk eine gute Nacht und löschte das Licht. Ein paar Minuten später schlief sie tief und fest.

Der Mond war aufgegangen und blickte zärtlich auf Marie herab. „Lieber Mond“, sagte Nanuk, „ich möchte mich bei Marie bedanken. Kannst du mir nicht helfen? Sie wünscht sich so sehr, den Axel richtig springen zu können.“ Der Mond war nicht von gestern und hatte das Dilemma schon lange mitbekommen. „Es ist im Grunde gar nicht so wichtig, ob sie ihn springen kann. Wichtig allein ist ihr gutes Herz, und das hat sie gerade bewiesen. Als sie dir eine neue Mütze gemalt hatte, war der vermaledeite Sprung völlig vergessen. Vielleicht springt sie ihn leichter, wenn sie ihn nicht mehr so wichtig nimmt. Außerdem ist sie doch noch viel zu klein. In ein paar Jahren, wenn sie mit ihrer Trainerin fleißig geübt hat, lacht sie darüber. Dann wird sie ihn in der einfachen Form sicher stehen und bereits doppelt beginnen.“ Nanuk stöhnte auf.
„Heißt das etwa, dass alles in zwei oder drei Jahren wieder von vorne anfängt, weil sie die Sprünge dann alle mit mehreren Umdrehungen versuchen wird? Oh, nein. Das würde mir das Herz brechen. Dann sehe ich sie ja nur noch weinen. Lieber Mond, sag, dass das nicht wahr ist!“, rief Nanuk verzweifelt. Er mochte Marie so sehr und konnte es nicht ertragen, wenn seine kleine Freundin traurig war. Der Mond atmete laut aus.
„Doch, Nanuk. Das hat aber nichts mit dem Eiskunstlaufen zu tun. Das ganze Leben ist eine ständige Herausforderung. Kaum hat man etwas geschafft, kommt schon die nächste Aufgabe. Noch geht Marie zur Schule. Sie muss Klassenarbeiten schreiben und irgendwann steht die Prüfung zum Abitur an. Aber auch danach kann sie sich nicht ausruhen. Sie will vielleicht studieren und muss einen Beruf lernen. Natürlich findet sie auch einen Mann und heiratet. Sie bekommen Kinder, ja Nanuk, das Karussell des Lebens dreht sich immer weiter. Marie braucht etwas, das ihr hilft, auch in schwierigen Augenblicken nicht den Mut zu verlieren und wieder neue Hoffnung zu schöpfen.“ „Ja, Mond, aber was?“ Nanuk schluchzte nun auch.

Plötzlich wurde es ganz hell im Kinderzimmer. Vier wunderschöne Feen lösten sich vom Lampenschirm und tanzten in ihren langen wallenden Kleidern durch den Raum. Sie hielten Zauberstäbe in der Hand und sangen. Nanuk konnte das Lied erst nicht verstehen, aber dann wurde der liebliche Feengesang deutlicher.
„Ein Talismann für die kleine Eisprinzessin macht vergessen allen Kummer und alle Tränen! Mit einem Talismann wird sie alle Sprünge irgendwann sicher stehen“, tönten die vier Stimmen. Jede Fee nahm ihren Zauberstab und zog glitzernde Kreise durch die Luft. Das durchsichtige Bild eines kleinen goldenen Eisbären an einer ebenso goldenen Kette erschien ganz kurz in der Mitte des Zimmers. Eine Fee nach der anderen segnete das Bild und die schlafende Marie:
„Glück und Gesundheit“, rief diejenige, die ein hellblaues Kleid trug. „Ein reines Herz und reichlich Verstand“, die zweite, im gelben Kleid. „Mut und Kraft“, sang die dritte, ganz in Rot gekleidet. „Leichtigkeit und Fröhlichkeit, Hoffnung, Vergessen und Verzeihen“, sang die letzte Fee, die in ihrem schneeweißen Ballkleid zu Marie hinüberflog und ihr einen Kuss auf die Wangen hauchte.
„Du wirst eines Tages eine schöne und erfolgreiche Eisprinzessin sein, kleine Marie. Nimm und trag deinen goldenen Eisbären bei jedem Wettkampf um den Hals. Er wird dich nicht nur beschützen, sondern immer daran erinnern, dass es Wichtigeres im Leben gibt, als einen sportlichen Sieg, wenn es mal nicht so gut läuft. Eine warme Mütze im Winter ist mehr wert, als eine Goldmedaille, denn die hält dich nicht warm. Aber du wirst bei deinem Ehrgeiz auch genug Medaillen bekommen, warte es nur ab und übe fleißig weiter. Die Voraussetzungen dafür bringst du selber mit, und alles, was du sonst noch brauchst, hast du jetzt von uns bekommen. Auf Wiedersehen, kleine Prinzessin Marie!“ „Auf Wiedersehen, Marie“, riefen auch die anderen drei Feen und flogen eine nach der anderen wieder in den Lampenschirm. Nanuk staunte. „Und wo bekommen wir jetzt einen goldenen Eisbären an der Kette her?“, fragte er den Mond. „Warte es nur ab, und nun schlafe, Nanuk, mit der warmen Mütze!“, antwortete der und zog sich wieder an den Sternenhimmel zurück.

Als Marie am nächsten Morgen aufwachte, dachte sie an ihren Traum. Nanuk fiel ihr ein, die fehlende Mütze und da waren noch der Mond und die vier Feen von ihrem Lampenschirm gewesen. Sie blickte zur Tapete. Nanuk lachte sie in seiner neuen gemalten Mütze fröhlich an. Sie wollte gerade aufstehen, da sah sie ein kleines Päckchen auf ihrem Nachttischchen. Daneben lag eine Karte. Verwundert las Marie von den Gaben, die ihr die vier Feen während ihres Schlafes geschenkt hatten. Aufgeregt, mit zitternden Händen, öffnete sie ganz vorsichtig das Päckchen. Ein kleiner goldener Eisbär an einer ebenso goldenen Kette lag darin. Marie konnte kaum sprechen. Sie schaute auf Nanuk. Die beiden Bären hatten etwas Ähnlichkeit miteinander. Aber, das war doch alles nur ein Traum gewesen?
„Marie, Schätzchen, du musst zur Schule. Aufstehen!“, rief ihre Mutter plötzlich und stand im Zimmer. „Mama, schau mal, was die Feen und Nanuk mir geschenkt haben!“ Marie schaute ihre Mutter fassungslos an. Die lächelte vielsagend. „Dann wollen wir dir mal deinen neuen Talismann um den Hals binden. Pass gut auf ihn auf. Er wird dich auf allen deinen Wegen begleiten und sich mit dir freuen, wenn du dich freust, und dich trösten, wenn’s mal nicht so läuft. Denke dann einfach immer an Nanuks Mütze“, lachte die Mutter.
Marie trug ihren Talismann später bei jedem Wettkampf, den sie bestritt. Bevor sie auf die Eisbahn lief, rieb sie Nanuk und küsste ihn. Sie wusste, er war immer bei ihr. Wenn sie gewann und aufs Siegertreppchen steigen durfte, freute sie sich und bedankte sich. Leider gab es, wie überall und immer im Leben, auch für Marie Momente, da klappte gar nichts und sie hätte sich am liebsten ins nächste Mauseloch verkrochen. Dann lachte sie nur, dachte an ihre Malstunde auf der Tapete, an die Worte der letzten Fee und dachte: Axel hin, Axel her, es gibt wirklich Schlimmeres, als einen Sprung zu versemmeln! – Ein Eisbär ohne Mütze!

Katrin
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Re: Eislaufgeschichten: Marie, die kleine Eisprinzessin

Beitrag von Katrin » Di 12. Dez 2017, 19:07

Hallo Manuel, schön zu lesende Geschichte von Marie.

Ich weiss, Kindergeschichten sollen auch erziehen. Hier: "Sport ist nicht das Wichtigste auf der Welt."
Na ja. Kann auch zu Laschheit im Training und einem "ist ja eh wurscht ob ich den Axel kann oder nicht" führen.

Für Ehrgeizler würd ich die Geschichte anders schreiben:
Der Bär, dem Marie die Mütze gezeichnet hat, hat ihr im Traum gezeigt, was sie bei ihrem Axel, der immer schiefging, ändern musste...nun konnte sie den Axel, nicht immer, aber immer besser.
Als sie den Bären bat, ihr im Traum auch den doppelten Salchow zu zeigen, hat er die Stirn gerunzelt und nur gesagt: Der 2 S wird gesprungen wie der Axel. Nach ein paarmal Salchow-Springen ging Marie ein Licht auf...ah !
Als sie wieder bat, er solle ihr den 2 F zeigen, sagte der Bär: Alle guten Wünsche waren drei für Dich. Mein letzter wichtigster Rat ist: Du bist nun selbst so gut, dass Du das ohne meine Hilfe herausfinden kannst.

Manuel
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Re: Eislaufgeschichten: Marie, die kleine Eisprinzessin

Beitrag von Manuel » Sa 16. Dez 2017, 18:20

Hallo Katrin, ich freu mich, dass dir die Geschichte gefallen hat. Es ging mir darum, Marie zu zeigen, dass es im Leben immer rauf und runter geht. Auf einen großen Erfolg kann ganz schnell eine Niederlage folgen und dann braucht man etwas inneren Abstand, damit man nicht den Boden unter den Füßen verliert. Genauso folgt auf Tränen auch wieder Sonnenschein. Das hat Marie in der Geschichte begriffen. Natürlich muss sie fleißig trainieren, denn ohne Fleiß, kein Preis. Aber es kann halt nicht immer gut laufen und dann denkt sie an Nanouk und weiß, es gibt ein nächstes Mal und wieder eine neue Chance. Nach dem Turnier ist vor dem Turnier. Wenn man etwas zwanghaft versucht, verkrampft man nur und es wird eh nichts. Wichtig ist zu wissen ist, dass man mit Niederlagen leben muss. Sie als Ansporn zu betrachten, nach vorne zu schauen und die Hoffnung nicht verlieren. Das war meine Botschaft auch an die echte Marie. Ehrgeiz ist noetig, aber da gibt es Grenzen. Man analysiert, was war falsch und muss versuchen, es besser zu machen. Wenn ich sehe, wie totalitäre Staaten Kinder wie Maschinen trimmen, läuft es mir kalt den Rücken herunter. Dann entstehen solche Situationen, wo es nur noch um das Aneinanderreihen von Vierfach-Sprüngen geht und das Ganze mit Kunst nichts mehr zu tun hat. Da sollten dann auch die Richter ein Machtwort sprechen. Eine Kür ohne Vierfache aber mit Transitions und einer wunderschön getanzten Geschichte macht auch für den Zuschauer viel mehr her. So, ich hab gerade versucht, die Dt. meisterschaften zu sehen und verzweifelt nach Aljona und ihrem Bär Bruno gesucht, aber wahrscheinlich war just da, die Technik ausgefallen. Haben die denn jetzt gewonnen? Gibt es davon noch Aufzeicnungen? Lg Manuel

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Re: Eislaufgeschichten: Marie, die kleine Eisprinzessin

Beitrag von Katrin » Sa 16. Dez 2017, 22:17

Sicher gibt es in youtube Videos von der DM, im Moment aber von heute noch nichts. Es kann sein, dass sportdeutschland TV , die den livestream brachten, auch nicht so erbaut ist davon, ich hab da was im Hinterkopf.

Zu Marie: Ich kannte ein Mädels die sagte:" Ach den Toeloop, den habe ich falsch gelernt, den spring ich nun nicht mehr." Ich war sprachlos. Das ist definitiv eine zu lasche Einstellung.
Andererseite, wie Du sagst: Diese Champion-produzierende Maschinerie ist beängstigend, ich gebe Dir recht: Da werden Heranwachsende auf 1000 Kalorien gesetzt, regelmässig das Gewicht nachgeprüft, spindeldürr springt besser, und Pubertät ist das Hasswort, das Training ist militärischer Drill mit An-und Abgrüssen ( was nicht schlecht sein mag für die Konzentration, aber die Kinder scheinen richtig Angst vor der Trainerin zu haben).
Im Prinzip sind wir schon gleicher Meinung. Ich wollte nur damit sagen: Marie darf auch mal Wut auf sich haben oder heulen, dass der Axel nicht funktioniert, sonst endet sie wie das Mädel, das sich aufgibt.

Grüsse sie schön von mir und sage ihr, sie kann den Axel bald, sie muss nur Geduld haben, wahrscheinlich ist ihre Grundhaltung in den Bögen noch nicht perfekt, sie muss bombenfest vorher auf rückwärts stehen und das Aufsetzen nach vorwärts beherrschen. Das ist nämlich die Grundlage. Wenn man das perfekt kann, erschliesst sich der Sprung fast von allein. Ich hab 7 Jahre dafür gebraucht. Sie ist im richtigen Lernalter und kann das sicher in 7 Monaten schon.

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Romane und Geschichten über das Eiskunstlaufen - Filme

Beitrag von Katrin » Mi 26. Sep 2018, 13:27

Adam Rippon über Eiskunstlauffilme.

"My name is Adam Rippon and I am qualified as figure skating expert because "/ cut /" I am one." Seltsam, ein wenig provozierend, aber gewollt, kurz und bündig. Wenn einer Adam Rippon nicht kennt, dann ist er auch beim falschen Video gelandet.
Man beachte auch wie Adam seinen Nachnamen ausspricht mit Betonung auf "..on".

Was er sagt von Rivalität von Eiskunstläufern und Eishockeyspielern: Stimmt. Nach einem Senioren - Eishockeyspiel Eiskunstlauf machen, obwohl die Eismaschine drübergefahren ist, einfach grausam: Vor allem im Bereich der Toore fürchterliche halbkreis -runde Riefen, so tief, dass einmal Eismachen nicht ausreicht.

Manuel
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Re: Romane und Geschichten über das Eiskunstlaufen

Beitrag von Manuel » Di 9. Okt 2018, 18:44

Manuel Magiera

Wir Eisprinzessinnen vom Planeten Frost

Der Eisplanet- Einführung

Anna und Nadja sind zehn Jahre alt. Sie leben mit ihren Eltern und Geschwistern auf einem Planeten, der den Namen Frost trägt. Er ist etwas kleiner als die Erde und liegt auf der anderen Seite der Milchstraße. Frost macht seinem Namen alle Ehre. Das besondere an ihm ist sein Klima. Er ist ein Eisplanet. Einen Sommer, so wie wir ihn von der Erde her kennen, gibt es auf Frost nicht. Er besitzt zwar eine Atmosphäre wie die Erde und man kann dort atmen und leben, wie die Menschen hier. Doch die Sonne ist viel zu weit entfernt und ihre Strahlen zu schwach, um das viele Eis und den Schnee zum Schmelzen zu bringen. Die Temperatur auf Frost beträgt fast ständig zwanzig Grad minus. Die Kolonisten bezeichnen ihr neues zu Hause gerne als Erde im Dauerwinter. Anna und Nadja wurden auf Frost geboren. Ihre Eltern arbeiten für die Raumfahrtbehörde und errichteten auf dem kalten Planeten einen Außenposten, um Daten aus dem Weltall zu sammeln. Die Bewohner leben in Städten, die für die extreme Kälte gebaut wurden. Einkaufszentren und Verwaltungsgebäude werden von riesigen Glaskuppeln überdacht. Turnhallen, Eishallen und Eisstadien helfen den Menschen bei der Freizeitgestaltung. Weil die Seen und Flüsse dauerhaft zugefroren sind, laufen die Einwohner meistens Schlittschuh, wenn sie von einem Ort zum anderen wollen. Natürlich müssen die Kinder auf Frost auch in die Schule. Und nun ratet mal, wie sie dorthin kommen? Natürlich: Wer es nicht zu weit hat, läuft jeden Tag auf Schlittschuhen zum Unterricht. Die Bäche sind überdacht und werden wie Straßen genutzt. So kommt auch bei Schneetreiben und Sturm jeder sicher und trocken ans Ziel. In ihrem Stadtteil trainieren die Kinder am Nachmittag Eiskunstlaufen oder Eishockey. Auch die Erwachsenen treffen sich, um gemeinsam Sport zu treiben. Es verwundert natürlich nicht, dass die meisten Jungen und Mädchen sehr gut eislaufen können. Und selbstverständlich gibt es auch Meisterschaften.
Am Wochenende soll wieder die jährliche Stadtmeisterschaft stattfinden. Nadja und Anna sind Freundinnen. Sie treffen sich nachmittags zum Hausaufgabenmachen und verbringen viel Zeit miteinander. Aber auf dem Eis hört bei ihnen die Freundschaft auf. Die zwei jungen Damen gehören nämlich zu den besten Eiskunstläuferinnen ihres Vereins und machen sich gegenseitig Konkurrenz.

Nadja und Anna

Wie immer nach Schulschluss zogen sich die zwei ihre Schlittschuhe an und machten sich auf den gemeinsamen Heimweg. Es war Dezember. Das Jahr neigte sich dem Ende zu und wie auf der Erde feierten die Menschen auf Frost am 24. Dezember Weihnachten. Die Kinder bekamen am Heiligen Abend Geschenke, welche vom Weihnachtsmann höchst persönlich gebracht wurden. Den Schlitten zogen sechs Rentiere. Es gab aber eine Besonderheit auf Frost, denn im Gegensatz zum Erdenweihnachtsmann blieb Santa Frost unsichtbar. Bei den etwas älteren Kindern und Jugendlichen hatte das zu abenteuerlichen Spekulationen geführt. Einige fragten sich sogar, ob es den Weihnachtsmann überhaupt gab. Anna und Nadja machte allerdings im Augenblick ihr übliches Meisterschaftsgezicke am meisten zu schaffen. Wie sehr gingen sie doch damit auch ihren Müttern auf die Nerven! Beide Mütter unterstützten die Mädchen, nähten Kürkleider und begleiteten ihre Töchter häufig zum Training. Aber nein, jedes Mal wenn ein Wettbewerb anstand, benahmen sich die Kinder völlig unmöglich, fanden die Frauen.
Schweigend glitten Nadja und Anna mit ihren bunten Schulranzen auf dem Rücken durch eine zauberhafte Winterlandschaft. Es war ein wundervoller Tag. Überall glitzerte das Eis im Sonnenlicht. Die Nadelbäume wurden von Schneehauben bedeckt und manchmal fiel auch die eine oder andere Schneeflocke vom Himmel. Die sturen Mädchen hatten für die schöne Natur und ihre Umgebung heute keine Augen. Es gab da noch etwas, was den Planeten Frost völlig von der Erde unterschied. Die Tiere auf dem Eisplaneten konnten sprechen. Das betraf sämtliche Tiere: Robben, Pinguine und Schneehasen, Eisbären und Schneeeulen, kurz alle, die extreme Kälte gewöhnt waren. Auf ihrem Heimweg liefen Anna und Nadja immer an der Hasenhöhle vorbei und sonst blieben sie dort einen Augenblick, um den kleinen Häschen zu erzählen, was sie in der Schule gelernt hatten. Doch heute waren die beiden überhaupt nicht bei der Sache. So kurz angebunden kannte sie die Hasenfamilie gar nicht und die acht niedlichen Hasenkinder wunderten sich sehr. Sie sahen sich erstaunt an, wagten aber nicht, die zwei anzusprechen. So setzten die Mädchen ihren schweigsamen Weg noch eine Weile fort.

Nach einigen Minuten schien es, gottlob, als könne Anna die Stille nicht mehr aushalten. Sie druckste etwas und nahm dann all ihren Mut zusammen. Das ging so nicht weiter, dachte sie. Die beiden mussten endlich wieder vernünftig miteinander reden. „Du, Nadja, können wir mal den Wettkampf übermorgen kurz vergessen? Ich wollte dich nämlich etwas fragen!“ Nadja blickte überrascht auf, als sie Annas Stimme hörte und überlegte einen Moment. Dann nickte sie fröhlich mit dem Kopf. „Natürlich, ach Anna, eigentlich sind wir doch auch doof mit unserem Gezicke vor den Wettbewerben. Hauptsache ist doch, dass eine von uns beiden die Mädchenkonkurrenz gewinnt und wir die anderen Stadteile in Grund und Boden laufen. Ich kann den Doppelaxel so sicher, da hat Ludmilla Orloff aus der Südstadt gar keine Chance. Und die West- und Oststädter brauchen wir überhaupt nicht zu fürchten. Die können den Axel nicht einmal einfach richtig stehen und einen sauberen doppelten Lutz habe ich von denen auch noch keinen springen sehen.“ Anna freute sie sich wie eine Schneekönigin, als sie das hörte und ein großer Stein fiel ihr vom Herzen. Sie klatschte überschwänglich in die Hände und lief stürmisch auf Nadja zu. Endlich! Sie wollten sich beide umarmen, aber es kam leider anders. Anna rutschte auf ihren Schlittschuhen aus und zog die Freundin mit sich. Pardauz. Die zwei fielen der Länge nach auf das Eis. Es war ihnen nichts passiert, Stürze gehörten zum schönsten Sport der Welt dazu. Anna strahlte wie ein Honigkuchenpferd über ihre knallroten Bäckchen. „Du, das finde ich supertoll. Ich hab mir auch schon so oft Gedanken gemacht. Wir sind immer beste Freundinnen gewesen und ausgerechnet auf dem Eis sollen wir uns nicht mehr mögen? Nein, Nadja, du hast völlig Recht. Wir wollen unseren Kleinkrieg ein für alle Mal begraben. Wer übermorgen die Kür gewinnt, ist doch völlig wurscht, solange es eine aus der Nordstadt ist und sie entweder Nadja oder Anna heißt. Abgemacht?“ Nadja lachte erleichtert laut auf. „Ja, Anna, das finde ich auch. Was willst du mich denn fragen?“
„Ach so, hast du schon deinen Wunschzettel für den Weihnachtsmann geschrieben?“ Was soll denn so eine Frage jetzt? , dachte Nadja bei sich, sah die Freundin erstaunt an und schüttelte energisch mit dem Kopf. „Nöh, das mache ich auch nicht mehr. Es gibt nämlich gar keinen Weihnachtsmann!“ Annas Augen weiteten sich nach dieser unerwarteten Antwort und sie schaute sehr erschrocken drein. „Wer sagt denn das?“ Nadja konnte darauf nur gelangweilt mit den Achseln zucken. „Mein großer Bruder Malte!“ Ne, das ist doch nicht möglich, fiel Anna ein und schaute die blonde Nadja verständnislos an. „Also, ich glaube fest an den Weihnachtsmann und hab ihm auch schon meinen Wunschzettel geschickt“, erzählte sie mutig. „Und welche Adresse hast du dazu genommen?“, fragte Nadja, der man ihren Frust ansah. Anna schmunzelte. „Na, die vom Nordpol, wie immer! Aber ich muss jetzt schnell nach Hause. Es ist schon spät. Tschüss Nadja. Laufen wir nachher zusammen zum Training?“ Natürlich verabredeten sich die zwei. Anna bog nach links auf einen schmalen begradigten Bachlauf ein. Das Haus ihrer Familie kam nach der nächsten Biegung in Sichtweite. Nadja musste allein weiter. Aber sie hatte es auch nicht mehr weit und beeilte sich. Das Haus ihrer Eltern lag am Rande der Stadt, die auch so hieß. Ganz einfach: Stadt. Es gab vier Stadtviertel, die kurz und bündig nur nach ihrer Himmelsrichtung benannt waren: Die Nordstadt, in der Anna und Nadja lebten, die Weststadt, die Oststadt und natürlich die Südstadt. Jedes Viertel besaß eigene Eishallen und Vereine. Die Stadtmeisterschaften, die übermorgen ausgetragen werden sollten, machten seit drei Jahren Nadja und Anna aus der Nordstadt unter sich aus. Nadja war heilfroh, dass der Streit darüber, wer von ihnen beiden nun die Bessere war, endlich beigelegt wurde. Etwas anderes beschäftigte sie nämlich viel mehr. Ihr Bruder Malte besuchte bereits die zehnte Klasse und hatte ihr erst neulich erzählt, dass der Weihnachtsmann ein Fake wäre. Es gab ihn schlicht nicht. Malte spielte sehr gut Eishockey und benahm sich mit seinen sechzehn Jahren schon richtig erwachsen. Nadja liebte ihren Bruder. Aber die Sache mit dem Weihnachtsmann wollte ihr nun einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sie würde genauso gerne weiter an ihn glauben wollen, wie Anna. Doch, was war, wenn Malte wirklich Recht hatte? Und der Weihnachtsmann existierte nur in ihrer Phantasie? Hatten ihre Eltern sie womöglich all die Jahre belogen?

Nadja schrak aus ihren Gedanken auf. Sie meinte felsenfest, eine Stimme gehört zu haben und blickte sich um. Doch da war niemand, außer einem großen Tannenbaum an der Ecke. Er war, wie alle Bäume in der Stadt, von der Bürgermeisterei bunt geschmückt worden. An seinen Ästen hingen knallrote Kugeln und Kerzen steckten auf den Zweigen. Die leuchteten den ganzen Tag hell, denn die Sonne kam nun in der Winterzeit auf dem Eisplaneten Frost nur noch für kurze Zeit hin und wieder aus den Schneewolken hervor. Die brennenden Kerzen auf den Tannenbäumen tauchten den Ort deshalb in anheimelndes Licht und verbreiteten eine feierliche Weihnachtsstimmung. Nur Nadja konnte sich nicht so recht auf den Heiligen Abend freuen. Sie drehte sich aufmerksam nach allen Seiten um. Eine tiefe Männerstimme hatte sie gefragt: „Du Mädchen, kannst du mir mal helfen?“ „Warst du das, Tannenbaum? Seit wann können Bäume auf Frost sprechen, das können doch nur die Tiere?“ Nadja sah den Baum erstaunt und verwundert an. Der Tannenbaum wiegte sanft seine Äste, an denen tausende und abertausende kleine grüne Tannennadeln saßen. Auch tiefbraune Tannenzapfen sprießten aus ihm hervor. „Ja, das war ich. Und wir sprechen alle. Genau wie die Tiere. Nur die Erwachsenen hören uns nicht mehr. Doch Kinder, die noch an den Weihnachtsmann glauben, können jedes unserer Worte verstehen. Schau, mir ist da eine Kerze abgefallen. Magst du sie mir wieder aufstecken?“ Nadja lachte den Baum fröhlich an. Sie half immer sehr gern. „Aber natürlich.“ Sie setzte die Kerze geschickt wieder auf den Tannenzeig. „Du Tannenbaum, ihr Bäume seid doch so alt und klug. Ich möchte gerne noch an den Weihnachtsmann glauben, aber Malte sagt, es gibt ihn gar nicht. Sag, hat mein Bruder etwa Recht?“ Au weh. Nadjas Problem kam auf Frost tatsächlich in letzter Zeit immer häufiger vor. Der Baum schüttelte sich nun so sehr, dass die Kugeln anfingen gegeneinander zu schlagen und zu klingeln. Der feine Schnee rieselte wie Puderzucker auf die Erde. „Nein, Nadja, er hat nicht Recht. Es gibt den Weihnachtsmann wirklich. Aber er lebt am Nordpol und die Reise dorthin ist sehr gefährlich. Viele Kinder haben schon versucht zu ihm zu gelangen und sind niemals wieder zurückgekehrt.“
Die stets neugierige Schneeeule Lawinia hatte das Gespräch belauscht. Sie flog sofort heran und setzte sich auf einen Tannenast. „Uhuuhuuhu, ja es ist sehr gefährlich, Uhhuhu!“, wiederholte sie. Nadja schauderte.
Die unheimlichen Laute der Eule brachten sofort den kleinen Schneehasen Petermann auf den Plan. Er hoppelte herbei und sprang dabei übers Eis, so hoch er nur konnte. „Lass dir bloß keine Angst einjagen, Nadja. Ich bin nämlich auch noch da. Ich helfe dir. Wir finden den Weihnachtsmann. Er lebt im Land der tausend Kinderträume. Es liegt wirklich am Nordpol. Ich hab schon viel davon gehört.“ Nadja blickte irritiert von einem zum anderen. „Gut“, entschied sie. „Dann lasst uns schnell aufbrechen. Meine Mutter kommt erst heute Abend nach Hause. Ich habe also noch ein paar Stunden Zeit.“

Die Reise zu Santa Frost

Nadja und Petermann glitten auf einem zugefrorenen Fluss Richtung Norden. Der helle Polarstern zeigte ihnen den richtigen Weg. Natürlich konnte der lustige weiße Hase mit den übergroßen Schlappohren auch eislaufen. Er sprang auf seinen Schlittschuhen genauso geschickt und sicher über das Eis wie Nadja. Zwischendurch drehten die zwei Pirouetten und übten sich in schwierigen Schrittfolgen. Auch Petermann beherrschte den zweifachen Axel mühelos. Den Salchow versuchte er sogar dreifach, schaffte aber die Landung auf rechts rückwärts nicht, verkantete sich und plumpste dabei heftig auf den Po. Traurig blieb er liegen und hielt sich sein kleines Stummelschwänzchen. Nadja reichte ihm die Hand und half ihrem Weggefährten sogleich wieder auf die Beine. Sie liefen fröhlich weiter. Dabei lachten sie pausenlos. Huch, was war das? Ein lautes Gebrüll ließ die beiden Freunde plötzlich zusammenzucken. Sie waren anscheinend einer Bärenhöhle zu nah gekommen und der aus dem Schlaf gerissene Bewohner stürmte entsetzlich polternd heraus. Es hörte sich sehr gefährlich und böse an. Da war wohl jemand ziemlich wütend. Der Boden zitterte. „Was ist hier los? Woher kommt dieser Krach? Wer wagt es, mich in meinem Winterschlaf zu stören?“, tobte der riesige Eisbär voller Zorn. Petermann bebte sofort am ganzen Leib. Er ahnte, dass er bei dem Bären auf der Speisekarte stand und versteckte sich schnell hinter Nadjas Rücken.
Die Schneeeule Lawinia hatte es sich nicht nehmen lassen, die beiden in respektvoller Entfernung zu begleiten. Sie war ja von Natur überaus neugierig und musste immer wissen, was in der Stadt vor sich ging. Nun saß sie auf einer Tannenspitze und beobachtete das Geschehen unten auf dem Boden mit einem mulmigen Gefühl im Magen. Hoffentlich war der Bär nur wütend, dachte sie. Hoffentlich hatte er nicht auch noch Hunger! Nadja, die fast dasselbe dachte, fasste sich ein Herz und trat mutig auf den Bären zu.
„Lieber Bär“, sagte sie sanft. „Bitte entschuldige, wir wollten dich bestimmt nicht wecken. Aber wir sind auf dem Weg ins Land der tausend Kinderträume und haben uns verirrt. Kannst du uns vielleicht helfen?“ Der Bär brummelte Unverständliches in sich hinein und beruhigte sich nur langsam. „Hmm. Der Weg zum Nordpol ist äußerst gefährlich. Überall gibt es tückische Spalten im Eis, die man nicht sieht. Dann kommen plötzlich Schneestürme auf. Es wird bis minus vierzig Grad kalt. Viele Kinder haben es schon versucht und sind nie wieder zurückgekehrt. Übrigens, ich heiße Robert! Und ich habe heute schon gefrühstückt. Außerdem wäre mir der Hase hinter deinem Rücken die Mühe nicht wert. Das ist nicht einmal eine vernünftige Nachspeise für mich.“ Petermann stieß nach diesen Worten einen erleichterten Seufzer aus und hoppelte fröhlich aus seinem Versteck hervor. Nadja streichelte dem Bären das Fell. „Lieber Bär, lieber Robert, ohne dich sind wir verloren. Bitte, bitte, hilf uns.“

Robert war im Grunde seines Herzens ein sehr weicher und warmherziger Bär. Die kleine Nadja und der Hase taten ihm ehrlich leid. Aber er trug ein Geheimnis mit sich herum: Robert war nämlich ein Hasenfuß! Auf Deutsch: Robert war trotz seiner stattlichen Größe von fast drei Metern, seiner riesigen Zähne und Pranken, ein kleiner Feigling. Nur in seiner Schneehöhle fühlte er sich einigermaßen sicher. Er hatte Angst. Nein, ganz bis zum Land der tausend Kinderträume konnte er die beiden sicher nicht begleiten. Er rang mit seiner Fassung. Aber vielleicht reichte es ja, wenn er bis zum Rand des großen Gletschers mitging. Er sah Nadja an und blickt dann zu dem lustigen Petermann auf dessen enorme Schlappohren. „Also gut“, brummte er. „Ich bin eh wach. Aber ich führe euch nur bis an den Rand des Gebirges zum Gletscher. Von da an müsst ihr allein weiter gehen! “
„Oh danke, liebster Robert“, rief Anna aus und drückte den errötenden Eisbären ganz fest an sich. Auch Robert erwies sich als exzellenter Eisläufer. Er glitt auf seinen Schlittschuhen mühelos über das Eis und versetzte Nadja und Petermann mit seinen außergewöhnlichen Pirouetten in Erstaunen. Die Sprünge Salchow, Lutz und Rittberger beherrschte er zweifach und den Toeloop konnte er sogar mit drei Umdrehungen zeigen. Nur mit dem Axel hatte er so seine Probleme und Nadja, die ihn doppelt sprang, erntete große Bewunderung von ihm. Die Gruppe bewegte sich durch einen tief verschneiten Winterwald, der von Bächen und zugefrorenen Flüssen durchzogen war. Als ein schwerer Schneesturm aufkam, machten sie unter einer hohen Tanne mit ausladenden Zweigen Rast. Petermann und Nadja krochen unter Roberts Fell und wärmten sich an ihm. Der Bär hatte sich eingerollt und schützte die beiden vor der Kälte. Nadja wusste viele Geschichten und Märchen zu erzählen und so wurde den dreien nicht langweilig, während sie auf das Ende des Sturmes warteten. Lawinia hatte sich in eine Baumhöhle ganz oben auf die Tannenspitze zurückgezogen und hielt ein Nickerchen. Trotzdem blinzelte sie immer wieder durch den Spalt am Eingang nach draußen, damit ihr ja nichts entging. Nach zwei Stunden verzog sich der Schneesturm. Die Vier wanderten weiter. Eine Stunde später blieb Robert plötzlich vor einer Schneewehe stehen. „Hier ist Schluss für mich. Ich muss jetzt umkehren. Aber es ist nicht mehr weit. Hinter dem Schneeberg beginnt das große Gebirge, das direkt am Nordpol liegt. Ihr braucht nur geradeaus weiter gehen. Aber passt auf, wohin ihr tretet! Es gibt überall gefährliche Spalten im Eis. Irgendwo da oben liegt das Land der tausend Kinderträume und dort wohnt auch der Weihnachtsmann in seiner Spielzeugfabrik mit seinen Helfern und den Rentieren.“

„Wir danken dir, Robert. Du hast uns sehr geholfen“, rief ihm Nadja nach, als sich der Bär umdrehte. Er schämte sich sehr, weil er ein so großer Angsthase war, aber das mochte er vor den anderen nicht zugeben. Petermann, der Robert schon längst durchschaut hatte, grinste und ergänzte: „Ja, und übe deinen Axel. Irgendwann kannst du ihn auch so gut wie ich. Das Rückwärtslanden lernst du sicher ebenfalls noch! Hihi.“ Das war nun doch zu viel für den braven Bären. Er wendete den Kopf und sah Petermann betont grimmig an. „Du, Hase, ich spüre so etwas wie Hunger. Wenn du nicht als Appetitanreger herhalten willst, dann ärgere mich besser heute nicht! Auf Wiedersehen, kleine Nadja und viel Erfolg auf deiner Reise.“ Nadja winkte Robert hinterher. Dann schaute sie sich die riesige Schneewehe an und schüttelte traurig den Kopf. „Petermann, wie kommen wir da rüber?“ Auch der kleine sonst so pfiffige Schneehase war ratlos. Hier nutzten ihm selbst seine sprunggewaltigen Hinterbeine nichts. Der Schneeberg war einfach zu hoch. „Was ist denn das?“, rief Nadja aus und zeigte mit dem Finger auf eine Robbe, die sich abmühte, einen Fisch zu fangen. Der Fisch sprang von einem Wasserloch ins nächste und tauchte plötzlich ganz weg. Die Robbe blieb verdutzt stehen. Der bunte fliegende Fisch war spurlos verschwunden. In das schmale Wasserloch vor ihr, konnte sie ihm nicht folgen. Erst nach einer Weile sah sie sich enttäuscht um und entdeckte Nadja und ihre beiden Begleiter. „Huch, wer seid denn ihr? Wo kommt ihr her? Wo wollt ihr hin?“ Nadja freute sich, wieder ein Tier getroffen zu haben, welches sich vielleicht hier oben in der Nähe des Nordpols auskannte. „Hallo, liebe Robbe. Ich bin Nadja und das sind Petermann und Lawinia. Wir kommen aus der Stadt und suchen den Weihnachtsmann im Land der tausend Kinderträume am Nordpol! Kannst du uns helfen und uns den Weg zeigen?“
„Malix nochmal!“ „Du meinst „verflixt“ nochmal?“, fragte Nadja. „Nein, Malix nochmal!“, antwortete die kleine Robbe. „Ich heiße Malixa und das Wort, das du meinst, kann ich nicht aussprechen. Aber hört mal: Der Weg ins Land der tausend Kinderträume ist sehr gefährlich. Viele Kinder haben es schon versucht und…“ „…sind nie wieder zurückgekehrt!“, fiel ihr Nadja wütend ins Wort. „Jetzt reicht es aber. Wir haben nicht den weiten Weg gemacht, um uns ständig dumme Sprüche anzuhören. Wir wollen zum Weihnachtsmann. Kannst du uns nun helfen, ja oder nein?“ Die Robbe rollte erstaunt mit ihren großen Kulleraugen. „Das nenne ich aber Malix nochmal! Es scheint euch wirklich ernst zu sein. Gut, ich muss meinen Fisch ohnehin weiter jagen. Sonst bekomme ich heute kein Abendbrot. Folgt mir!“ Geschickt stellte sich Malixa auf ihre Schwanzflosse, die hell aufblitzte. Eine scharfe Schlittschuhkufe kam zum Vorschein und als sich die Robbe erneut aufrichtete, erschien eine Zweite auf der anderen Seite. Sie lief um die Gruppe herum und sprang in eine Pirouette ein. Dabei erhöhte sich ihre Rotationsgeschwindigkeit derartig, dass Nadja vor Staunen den Mund nicht mehr zu bekam. „Whow, damit kriegst du bei uns im Wettbewerb garantiert die höchste Note!“, meinte sie anerkennend. Dann musste sich auch Nadja beeilen, denn Malixa tauchte plötzlich unter die Schneewehe durch. Gleich dahinter begann das Gebirge, welches von gefrorenem Eismeer umgeben war. An einigen Stellen waren Luftlöcher zu sehen, damit die Robben zum Luftschnappen an die Wasseroberfläche kommen konnten. Nadja musste sehr aufpassen und schaute genau hin, in welche Richtung sie sich bewegte. Sie trug ihren warmen Winteranorak und der war nicht wasserdicht. Es wäre sehr schlimm, wenn sie in eines der offenen Löcher fallen würde. Auch Petermann hüpfte sehr vorsichtig von einem Bein aufs andere. Sein Fell vertrug gar kein Wasser. Lawinia behielt den großen Überblick und flog vor ihnen her. Sie bemühte sich, rechtzeitig einen Warnruf auszusenden. Und wieder kam nach einer Weile ein starker Schneesturm auf. Der Wind wurde so heftig, dass sie anhalten mussten. Dicke Schneeflocken bedeckten die vier Freunde. Es war inzwischen fast ganz dunkel geworden. Erschöpft sank Nadja auf den Boden. Auch die anderen waren müde und einen Augenblick später lagen alle ganz dicht beieinander gekuschelt in tiefstem Schlaf.

Der Mond war auf Frost aufgegangen und schaute überrascht zu den schlafenden Reisenden herab. Er überlegte nicht lange. Es war sehr kalt und Nadja, die ja als Menschenkind nicht dauernd draußen lebte, so wie Petermann, Lawinia und Malixa, musste dringend in ein warmes Haus gebracht werden. Gevatter Mond nahm sein Mikrophon in die Hand und pustete hinein.
„Flix 1, bitte sofort in die Zentrale kommen!“, rief er aus. Im nächsten Moment öffnete sich die Tür und ein kleines Wesen mit übergroßem Kopf, in einen silbermetallisch glänzenden Raumanzug gehüllt, erschien eifrig und pflichtbewusst. „Sie haben gerufen, Chef?“ „Ja, Flix, was siehst du da?“ Der Mond zeigte auf die Reisegruppe und auf die kleine Nadja in seinem PC Monitor.
Flix schrie entsetzt auf. Ein kleines Mädchen in der bittersten Kälte. Das ging gar nicht. Da musste natürlich sofort etwas geschehen. Die Flixe waren Helfer in der Not und auf Rettungsmaßnahmen jeglicher Art trainiert. Flix 1 versetzte sich selbst augenblicklich in höchste Alarmbereitschaft. Schon wieder ein Kind, das zum Weihnachtsmann wollte! , dachte er und seufzte tief. Der gute Flix wusste gar nicht mehr, wie viele Kinder er schon unten auf dem kalten Frost vor dem sicheren Kältetod gerettet hatte. Flix 1 gab per Gedankenübertragung routinemäßig sofort eine Notmeldung an die Flixzentrale, damit sich die Mitarbeiter dort augenblicklich auf den Weg machen konnten. Dann benachrichtigte er auf dieselbe Art und Weise den Kontrollrat der Elfenpolizei am frostlichen Nordpol. Der Weihnachtsmann wurde umgehend über die Eindringlinge informiert. „Die Rettungsaktion läuft an, Chef. Ich empfehle mich und werde vor Ort koordinieren.“ „Tu das, Flix. Und dann erwarte ich deinen Bericht auf meinem Schreibtisch“, brummte der Mond.

Er musste jetzt endlich ein ernstes Gespräch mit dem Weihnachtsmann führen. Natürlich existierte der Weihnachtsmann wirklich und auch die riesige Spielzeugfabrik am Nordpol, tief unter dem Planeten, war real. Warum der Weihnachtsmann sich auf Frost im Gegensatz zum Erdenweihnachtsmann den Kindern nicht zeigen wollte, konnte der alte Mond beim besten Willen nicht verstehen. Gewiss, Santa Frost, wie er von den Menschen auf dem Eisplaneten genannt wurde, wollte keinen Rummel um seine Person und vor allem, dass die Kinder voll Vertrauen an ihn glaubten. Es war einfach, an etwas zu glauben, dass man sieht und anfassen kann. Aber es war eine Herausforderung an den Weihnachtsmann zu glauben, wenn man ihn nicht sehen kann, sondern nur die Ergebnisse seines Besuchs bestaunen darf, nämlich die Geschenke, die er jedes Jahr am Heiligen Abend unter den Tannenbaum in die Wohnzimmer der Menschen legt, sagte er immer. Das war seine Philosophie und davon ließ sich der Sturkopf nicht abbringen.
Doch der Mond wusste leider aus Erfahrung, dass Theorie und Praxis oft sehr weit auseinanderklafften. Während die jüngeren Kinder auf dem Planeten noch problemlos an den Weihnachtsmann glauben konnten, fingen die Älteren leider schon ab dem zehnten oder elften Lebensjahr an, an seiner Existenz zu zweifeln und die Erwachsenen glaubten gar nicht mehr an ihn. Santa war ein Dickschädel und für Reformen absolut nicht zu haben. Auch wenn darunter seine Popularität extrem litt und er nur noch ganz kleine Anhänger hatte. Der Mond seufzte. Jedes Jahr starben Kinder im Eis, nur weil sie den Weihnachtsmann besuchen wollten und nicht rechtzeitig von den Flixen gerettet werden konnten. So durfte es nicht weiter gehen. Er griff entschlossen zum Telefon und meldete sich auf Frost im Vorzimmer des Santa an. Glücklicherweise hatte ein anderer Besucher gerade abgesagt und morgen früh wäre bereits ein Termin frei, teilte ihm die Elfensekretärin mit.

Rettung durch Elfen und Flixe

Auf Frost wurde die Stelle, an der Nadja mit ihren Gefährten schlief, in fahles Licht getaucht. Ein erstes Bataillon von zwanzig funkelnden Flixen war bereits eingetroffen. Die kleinen Helfer trugen Lampen an ihren Uniformen und waren außerdem in der Lage durch eigenes phosphoreszieren ihres Metallkörpers zusätzliches Licht zu erzeugen. Was nun geschah war für die Flixrettungsleute reine Routine. Im Rentierstall am Nordpol wurden Tom und Brownie vor den Schlitten gespannt. Warme Decken lagen bereits darin. In kurzer Zeit waren die beiden Rentiere einsatzbereit. Auch für sie galt: Cool bleiben und die eingeübten mechanischen Abläufe gewohnt und sicher abspulen. Trotzdem konnten Tom und Brownie ihre Gefühle nicht ganz ausschalten und freuten sich sehr, wenn ihnen eine glückliche Rettung gelang. Das passierte nicht immer und sie litten sehr darunter, wenn sie wieder einmal zu spät am Einsatzort ankamen.
„Ich habe heute ein gutes Gefühl. Aber wir sollten keine Sekunde zögern“, meinte Brownie, der im Rang eines Hauptmannes den Schlitten befehligte. „Ja, Sir. Es ist alles zur Abfahrt bereit. Wenn die Peitsche des Kutschers ertönt: Voller Galopp voraus!“ Oberleutnant Tom scharrte unruhig mit den Hufen. Der Elfenkutscher saß einen Moment später auf dem Kutschbock. Der Schlitten beschleunigte von Null auf 100 Kilometer in der Stunde in zehn Sekunden. Rekord. Das Licht der begleitenden Flixe erhellte den Weg. Nach zwanzig Minuten Frostzeit konnten die Rentiere auf den Einsatzort zutraben. Die Flixe dort hatten die Schlafenden liebevoll in sanfte Träume gehüllt. Miniflix Naseweis, der das erste Mal in der Einsatztruppe dabei sein durfte, zeigte den Rentieren den Landeplatz. Der Elfenkutscher und sein Begleiter stiegen aus. Sie trugen zuerst die schon sehr unterkühlte Nadja zum Schlitten und kuschelten sie in warme Decken. Auch Petermann und Lawinia lagen einen Augenblick später neben ihr und wurden leicht zugedeckt. Petermanns lange Ohren rutschten immer wieder nach unten und zogen ihn zweimal auf den Boden zurück, bevor ihn der Kutscher in den sicheren Schlitten befördern konnte. Malixa bekam einen Platz im Gepäckfach hinten. Die beiden Rentiere rümpften nämlich die Nasen. Die Robbe strahlte einen sehr tranigen Fischgeruch aus. Aber Tom und Brownie ließen sich davon nicht irritieren. Sie dachten zuversichtlich. Diese Rettung schien gottseidank erfolgreich zu werden. Ein paar Minuten später setzte sich der Schlitten wieder in Bewegung. Nadja wurde am Nordpol sofort ins Elfenhospital gebracht und in ein warmes Bett gelegt. Die Tiere erhielten einen Platz im Stall.

Der Weihnachtsmann auf Frost lebte und arbeitete in einer riesigen unterirdischen Stadt, die aus unzähligen Spielzeugfabriken bestand. Dazu gab es Wohnhäuser, Kantinen und Geschäfte für die tausende Mitarbeiterelfen. Ein Krankenhaus und eine Schule für die Elfenkinder sowie natürlich der Stall und die Zuchtstation für die Rentiere des Santa rundeten das Bild ab. Elfenreporter Neugierig vom Weihnachtskurier war schnell unterwegs und versuchte erste Fotos von den Geretteten zu machen. „Weiß man schon, wer sie sind?“, fragte er Brownie. Doch der Rentierhauptmann hielt sich wie immer bedeckt. „Kein Kommentar, warten Sie auf den Bericht der offiziellen Stelle!“, wehrte er den emsigen und neugierigen Journalisten ab. Doch der wäre ein schlechtes Beispiel für seinen Berufsstand gewesen, wenn er so schnell klein bei gegeben hätte. Naseweis wurde sein nächstes Opfer und fiel tatsächlich auf die geschickte Befragungstechnik des Zeitungsbesitzers herein. Naseweis hatte inzwischen erfahren, dass das Mädchen Nadja hieß und plauderte locker aus dem Nähkasten. Neugierig schoss ein Foto von dem kleinen Flixjungen, der noch nicht ahnte, welche Strafe ihn zu Hause für seine Indiskretion erwarten würde. Es war den Flixen nämlich strengstens untersagt, etwas über die Geretteten zu erzählen. Nur Flix 1 gab Interviews. Das gehörte zur Seriosität der Einsatztruppe.

Mama Naseweis, die ausnahmsweise keinen Kitaplatz für ihren Sohn bekommen hatte und ihm deswegen wohl oder übel erlauben musste, mitzukommen, sah entsetzt, wie sich der Reporter zufrieden entfernte. „Naseweis!“, rief sie wütend. „Du kommst sofort hierher. Weißt du nicht, dass du keine Interviews geben darfst, du Lausebengel? Wir Flixe sind Geheimnisträger. Niemals dürfen wir Außenstehenden etwas über unsere Arbeit erzählen. Nur Flix 1 ist dazu befugt. Hoffentlich gibt das keinen Ärger. Ach, und das alles, weil die Kita heute Morgen überfüllt war.“ Mama Flix-Naseweis machte sich ernsthafte Sorgen. Auch ihr Junior erinnerte sich dunkel daran, mal etwas von den besonderen Regeln seines Volkes gehört zu haben. Oh je, dachte er. Ich gehorche wohl jetzt besser, bevor ich noch mehr anstelle. Schuldbewusst trat er an die Seite seiner Mutter, die ihm, trotz allem, wieder einmal nicht böse sein konnte.

Im Krankenhaus kümmerten sich die Elfenärzte und Krankenschwestern um Nadja. Sie war nun außer Lebensgefahr und schlief. Als Santa Frost von dem ungebetenen Besuch erfuhr, reagierte er, wie immer, erst einmal unwirsch. Santa war in seinem Verhältnis zu Kindern gespalten. Als Weihnachtsmann liebte er sie und erfreute sich an ihren leuchtenden Augen, wenn er durch sein Fernrohr in die Wohnungen schaute und sah, wie glücklich er die Kleinen am Heiligen Abend mit seinen Geschenken gemacht hatte. Die ganz Kleinen waren ja wirklich noch niedlich, dachte er. Sie glauben an mich. „Das Problem sind die Älteren. Irgendwann fangen sie zu zweifeln an und dann ist schnell alles vorbei. Sie kaufen ihre Geschenke in den großen Warenhäusern und Wunschzettel von Erwachsenen erhalte ich so gut wie gar keine mehr. Die Menschen wissen gar nicht, wie sehr sie sich selbst dadurch berauben. Aber, vielleicht hat der Mond auch Recht und ich sollte mich den Kindern endlich zeigen. Es reicht ja, wenn ich es bei den ganz Kleinen mache. Wenn sie ihre Erinnerung behalten, vergessen sie mich nicht. Ich sollte mit dem Mond darüber reden“, brummelte er laut in sich hinein. Dann nahm er den nächsten Stapel Wunschzettel in die Hand, um sich die Wünsche der Kinder durchzulesen. Sein Elfenmitarbeitersekretär Jagomir klopfte an die Tür und brachte ihm eine neue Mappe.
„Santa, hier ist die Post von heute. Ich habe sie bereits vorsortiert. Man muss sich wundern, wie sich die Wünsche der Kinder in den letzten Jahren verändert haben. Früher wünschten sich die Kinder einen Ball oder eine Puppe. Manchmal auch eine Holzeisenbahn. Und jetzt lesen Sie mal: Hier wünscht sich der sechsjährige Martin aus der Oststadt ein Handy, aber nur ein neues i-Phone 6, einen PC und jede Menge Weltraumspiele für den Computer. Oder hier: Saskia, acht Jahre aus der Südstadt. Sie wünscht sich wenigstens noch ein paar neue Schlittschuhe, weil ihre alten zu klein geworden sind. Aber sie macht gleich einen Zusatz: Nicht unter 400 Euro. Sie will richtige Turnierschlittschuhe, mit denen sie Sprünge üben kann. Ach, ein neues i-Phone 6 steht auch auf ihrer Wunschliste ganz oben. Wohin soll das bloß noch führen?“ „Ich weiß es nicht, Jagomir. Haben wir denn genügend von den neuen Handys vorrätig? Die Schlittschuhe haben wir nicht, das weiß ich. Aber Saskia bekommt einen Gutschein für eine Maßanfertigung. Das haben die Eltern schon mit einander abgesprochen. Wir legen ihr eine Barbiepuppe als Eislaufprinzessin und ein paar schöne Bücher dazu.“ „Sehr wohl, Sir. Ich werde auch gleich die Handyfirma anrufen und noch eine Raumschiffladung der neuesten i-Phone Generation bestellen. Wenn wir welche übrig behalten, dann haben wir auch für die Erwachsenen noch Geschenke. Wie wollen Sie mit dem Besuchermädchen verfahren? Sie heißt Nadja und kommt aus der Nordstadt, nicht wahr?“ „Ich überlege, ob ich mich nicht doch den Kindern zeige, Jagomir. Vielleicht kann ich sie dadurch wieder mehr motivieren an mich zu glauben. Ich werde Nadja im Krankenhaus besuchen, wenn sie wach ist. Normalerweise lösche ich ja die Erinnerung der Kinder, die es bis hierher geschafft haben, bevor ich sie wieder nach Hause schicke. Ob ich es diesmal anders machen soll? Was meinen Sie?“ Jagomir arbeitete seit hundertfünfzig Jahren für Santa Frost. Sie waren beide annähernd gleich alt. Er hatte seinen Chef noch nie so nachdenklich gesehen. Aber auch ihm war die rasante Entwicklung der Technik nicht verborgen geblieben und die veränderte Gesellschaft bei den Menschen hatte auch viele Veränderungen bei den Kindern hervorgerufen. „Wir sollten mit dem Mond sprechen. Er ist weltoffen und sehr erfahren. Möglicherweise weiß er einen Rat. Ich wäre für meinen Teil auch dafür, etwas Fortschrittlicher zu denken.“ Jagomir verbeugte sich nach seiner Antwort leicht und verließ das Büro des Weihnachtsmannes.

Santa Frost

Nadja gähnte und schlug die Augen auf. Sie dachte an ihren Traum. Sie war mit Petermann, Lawinia und einer Robbe mit Namen Malixa unterwegs zum Nordpol gewesen. Der Eisbär Robert hatte sie bis zum Rand des Gletschergebirges gebracht. Dann kamen viele kleine helle Glühwürmchen und sie wurde in eine Decke gehüllt. Das Mädchen blickte sich um. Sie befand sich in einem Krankenzimmer. An ihrem Arm war eine Kanüle befestigt. Ein Kasten stand neben ihrem Bett und gab laufend Töne von sich. Wo bin ich? , überlegte sie. Was ist das für eine merkwürdige Musik? Noch ehe sie weiterdenken konnte, öffnete sich die Tür und Elfenoberschwester Cornelia trat ein. Ein freudiges Lächeln zauberte sich augenblicklich auf ihr Gesicht. „Hallo, Nadja. Schön, dass du endlich wach bist. Santa Frost hat schon nach dir gefragt. Er will dich bald besuchen!“ Cornelia trug nicht, wie auf Frost üblich, eine weiße Schwesterntracht, sondern ein knallrotes Kleid. Ihre Haut schien etwas grünlich gefärbt und war sehr runzlig. Sie glich fast einem Schimpansen. Nadja hatte Filme über die Affen auf der Erde gesehen und die Frau ähnelte diesen Tieren stark. Sie besaß auch merkwürdig spitzzulaufende Ohren, welche sehr weit vorne am Kopf saßen. Trotzdem fühlte sich Nadja in Cornelias Gegenwart geborgen. „Bin ich im Land der tausend Kinderträume?“, fragte sie die Schwester. „Ja, Nadja. Du bist gerade noch rechtzeitig von den Flixen gerettet worden.“ „Flixe? Sie meinen die Glühwürmchen?“, staunte Nadja. Cornelia lachte. „Ich heiße Cornelia. Alle nennen mich hier nur Conny. Ich sage der Ärztin Bescheid, dass du aufgewacht bist. Dann darfst du bestimmt auch bald aufstehen. Möchtest du etwas trinken? Eine heiße Schokolade, vielleicht?“ Nadja nickte freudig. Sie hatte es also geschafft. Nun dauerte es nicht mehr lange und sie würde ihm endlich gegenüberstehen, dem Weihnachtsmann. Dann konnte sie auch wieder an ihn glauben und ihre kleine Welt kam in Ordnung.

Am Abend saß sie zusammen mit Petermann, Lawinia und Malixa in der großen Halle bei Santa Frost. Nadja war selig. Es gab den Weihnachtsmann wirklich. „Lieber Santa, ich will jetzt immer an dich glauben. Und ich wünschte, auch Malte würde das tun. Ich werde ihm von dir erzählen.“ Der Weihnachtsmann blickte Nadja liebevoll an. „Ich fürchte, dass wird nichts mehr nützen. Er ist schon zu alt geworden. Weißt du, die Erwachsenen verlieren den Glauben an mich schnell.“ Aber Nadja schüttelte energisch den Kopf. „Also, ich bestimmt nicht, denn ich habe dich gesehen und mit dir gesprochen. Ich habe auch eine Idee, wie wir das mit Malte machen können. Er wünscht sich ein neues Handy, ein…“ Santa fiel ihr seufzend ins Wort: …ein i-Phone 6?“ Nadja staunte. „Woher… ach nee, du bist ja der Weihnachtsmann. Du kannst in die Herzen der Menschen sehen. Natürlich weißt du es. Warum bringst du ihm keines? Er schreibt keinen Wunschzettel mehr und wenn ich ihm von meinem Erlebnis bei dir erzähle und er dann am Heiligen Abend ein neues bekommt, dann weiß er vielleicht, dass ich recht hatte und glaubt wieder?“ Das überzeugte auch den Weihnachtsmann. Es war eine sehr gute Idee.

Er würde bei Nadja nicht, wie bei den anderen Kindern, die Erinnerung an diesen Ausflug löschen, sondern sie sollte damit in ihrem Zimmer wieder aufwachen und erzählen, was sie erlebt hatte. „Was haltet ihr davon, wenn ihr heute und morgen meine Gäste seid. Dann führen euch die Elfen in der Stadt und in der Fabrik herum und ihr könnt euch alles in Ruhe anschauen. Morgen Abend fahrt ihr mit Tom und Brownie wieder nach Hause“, schlug er zufrieden vor. Die Gruppe war sofort einverstanden. Am anderen Tag kamen sie schon früh in die Beine. Jagomir hatte ihnen ein straffes Programm zusammengestellt. Die Vier hörten sich begeistert an, wie in den Fabriken die vielen Spielzeuge hergestellt wurden. Alles, was nicht selbst am Nordpol produziert werden konnte, wurde bestellt und mit Raumschiffen eingeführt. Es gab eigentlich im Land der tausend Kinderträume nichts, was es nicht gab. In der Kantine bekamen sie Nudeln mit Hacksoße zu Mittag und zum Nachtisch ein großes Eis. Um vier Uhr trafen sich alle Elfen und die Besucher in der großen Eisbahn. Elfen waren gute Kürläufer und die meisten zeigten ihr Können gern. Viele übten in der Eistanzgruppe. Nadja und ihre Freunde durften bei der großen Gala mitlaufen und ihre Sprünge und Pirouetten zeigen. Als sie am Abend müde in den Rentierschlitten stiegen, hatte Nadja ganz viel Schokolade und Gummibärchen dabei. Sie wollte auch Anna eine Freude machen und den anderen Kindern in ihrer Klasse etwas abgeben. Annas Wunschzettel war beim Weihnachtsmann angekommen und genehmigt worden. Und für den ungläubigen Malte hatte Santa bereits ein i-Phone 6 zurückgelegt. Zum Abschied erhielten die Freunde noch ein Glas warme Schokolade, dann hieß es Abschied nehmen, aus dem Land der tausend Kinderträume. Santa legte einen lieben Zauber über sie und ließ sie sanft einschlafen. Tom und Brownie hörten die Peitsche des Kutschers knallen und setzten sich langsam in Bewegung. Jetzt hatten sie es nicht mehr eilig. Sie wollten ihre Fracht nur sicher wieder nach Hause in die Stadt bringen. Unterwegs setzten sie Malixa ab. Die kleine Robbe hatte einen großen Fisch bekommen und freute sich schon auf das Abendessen. Lawinia flog eilig mit einer Maus in ihre Nisthöhle und Petermann schleppte einen Rucksack voller Mohrrüben zu seinen Geschwistern. Der Kutscher hielt ein paar Minuten später vor Nadjas Elternhaus. Es war noch niemand zu Hause. Die Tür ging von selbst auf, nachdem der Kutscher eine Zauberformel gemurmelt hatte.
Lächelnd trug er das kleine Mädchen auf dem Arm in ihr Kinderzimmer hinauf und legte sie in ihr Bett. Dann sprach er leise einen Aufwachzauber und verschwand. Nadja rieb sich die Augen und sah sich verwundert um. Ihr Schulranzen stand unter ihrem Schreibtisch. Alles war, wie immer. Nur, wo kamen bloß die drei Tüten mit den Süßigkeiten her, die neben ihrem Bett lagen? Ihre Erinnerung setzte sofort ein und sie schmunzelte. Es klopfte an ihrer Tür. „Hea, Nadja, schläfst du?“ „Nein, Malte, komm rein. Ich habe dir etwas Tolles zu erzählen!“ Malte setzte sich zu seiner kleinen Schwester und hörte eine wundersame Geschichte. Die Schokolade schmeckte ihm sehr und es war ihm egal, woher Nadja sie hatte. Angeblich kam sie vom Weihnachtsmann, aus seiner Fabrik am Nordpol. Malte überlegte. Nein, er wollte ihr diese Illusion nicht nehmen. Nadja war noch klein. Sollte sie ruhig weiter an Santa Frost glauben, wenn ihr das so wichtig war, dachte er. Sie würde die Wahrheit über ihn noch früh genug erfahren.

PS: Malte glaubt seit Heiligabend auch wieder an den Weihnachtsmann.

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