ISU European Championships 2022: Ein Fazit

Auch wenn die Gala noch aussteht, der sportliche Teil der EM 2022 ist Geschichte. .Zeit für ein erstes Fazit, vor allem da am Donnerstag mit den Four Continents bereits der nächste Höhepunkt vor der Tür steht.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde die EM belächelt, sie sei viel schlechter besetzt, als die 4CC. Das hat sich grundlegend geändert.

Im Frauenbereich gibt Europa inzwischen den Takt an. Lediglich eine Alysia Liu in Topform und ein, zwei Japanerinnen könnten in die europäische Phalanx einbrechen. Nebenbei bemerkt; Würde die Altersgrenze jetzt schon bei 17 Jahren liegen, wäre Gold an Shcherbakova und Silber an Trusova gegangen. Die vermutliche Nachrückerin Tuktamysheva hätte gute Chancen gehabt, den kompletten Triumph Russlands vollzumachen. Es würde sich also kaum etwas ändern.. Es sind aber nicht nur die Russinnen, die Spaß machen. In ihrem Sog bricht der alte Kontinent zu neuen Ufern auf. Mehr als ein halbes Dutzend junger Läuferinnen vollzog in den letzten Monaten enorme Leistungssprünge: Loena Hendrickx, Ekaterina Kurakova, Ekaterina Rybakova, Anastasia Gubanova oder Niina Petrokina seien da nur stellvertretend für weitere genannt. Setzt sich dieser Trend fort, dann steht der europäische Fraueneiskunstlauf vor einer glänzenden Zukunft.

Ganz so weit sind die Männer noch nicht, aber auch hier tut sich etwas. Die drei jungen Russen, Daniel Grassl, Kevin Aymoz und Deniss Vasiljevs haben für einen spannenden Wettkampf auf hohem Niveau gesorgt. So gut wie die besten Japaner und Nathan Chen sind sie noch nicht, aber dabei den Rückstand zu verkürzen. Viele außereuropäische Läufer liegen eh nicht vor den besten Europäern.

Im Paarlauf sind es nur Wenjing Sui / Cong Han, die mit den russischen Paaren mithalten können. Hinter den Russen klafft dann aber ein großes Loch. Trotzdem gibt es auch hier hoffnungsvolle Ansätze. Einmal schon rein von der Masse. Ich kann mich an keine EM erinnern, für die 24 Paare gemeldet hatten. Bei der eM 2019 waren es ganze elf. Dazu schicken sich Paare aus Ungarn, Georgien oder Spanien an, die Paarlaufwelt zu erobern und das sind alles andere als klassische Paarlaufländer. Der Weg ist hier noch weit, doch es sind schon gute Ansätze zu sehen.

Im Eistanz steht es in etwa Unentschieden. Mit Sinitsina / Katsalapov, Stepanova / Bukin und Papadakis / Cizeron ist Europa sehr gut aufgestellt. Dafür ist die Spitze in Nordamerika etwas breiter. Auch hier dürfen wir uns auf aufstrebende Paare, wie den beiden spanischen, dem britischen und den italienischen Paaren freuen. Nein, vor dem Vergleich mit den Nicht-Europäern müssen sich die Europäer nicht verstecken.


Als deutscher Eiskunstlauffan sitze man vor dem Fernseher und staunt sprachlos über die Leistungsexplosionen um Deutschland herum. Reihenweise gab es in Tallinn Bestleistungen zu bestaunen. Etliche in jedem Wettbewerb. Den deutschen Läufern gelangen zwei. Beide durch Nikita Starostin. Ohne seine Leistung schmälern zu wollen. Es war erst sein fünfter Start bei den Senioren auf internationaler Ebene. Da war eine Steigerung einfach fällig. Er war der einzige Lichtblick innerhalb eines biederen Auftritts des deutschen Teams. Wenn die Sonntagszeitungen die Verbesserung unserer Eistänzer von Platz 13 auf Platz zwölf abfeiern, sagt das einiges aus. Es wird nichts (mehr) vom deutschen Eiskunstlauf erwartet. Da wir schon beim Eistanz sind. Müller / Dieck belegten den 12. Platz, nach Rang 13 vor zwei Jahren. Da waren aber auch noch Papadakis / Cizeron am Start. Ihre Free Dance Bestleistung stammt von jener EM und konnte seit zwei Jahren nicht mehr verbessert werden. Nicole Schott landete wie vor zwei Jahren deutlich geschlagen. auf dem 13. Platz. Ihre Kurzprogramm-Bestleistung stammt aus dem Jahr 2019. Bis heute weiß ich nicht, was uns ihr diesjähriges Kurzprogramm sagen soll. Sie sieht aus wie eine Tangotänzerin, die Musik ist Tango, was sie läuft ist alles, nur kein Tango. Tango, das ist Feuer, das ist Temperament, das ist Leidenschaft - nichts davon ist bei ihr zu sehen. es ist ein Schott-Programm das wie immer ist und genau wie immer aussieht. Es gab vor ein paar Jahren mal ein Programm von ihr mit Trommeln. Kuck an, sie kann es doch. Das hat mir richtig gut gefallen. Leider blieb es eine Eintagsfliege. Paul Fentz. Was soll man zu ihm sagen, nach dem ihm die DEU so übel mitgespielt hat. Zumindest kann und muss man sagen, dass er seine Möglichkeiten nicht ausgeschöpft hat. Ich weiß nicht, wie lange es bei ihm beim vierfachen Toeloop und dem dreifachen Axel heißt: geht - geht nicht - geht - geht nicht ,... Es wäre schon längst an der Zeit gewesen, eine neue Umgebung oder einen neuen Trainer zu suchen. Das ist ausdrücklich kein Vorwurf an Romy Österreich, aber das gibt es in vielen Sportarten, dass ein Trainerwechsel die fehlenden zwei Prozent aus einem Sportler herauskitzelt. Vielleicht wäre auch ein Besuch im Camp von Alexei Mishin eine Hilfe. Der hat schon ganz anderen das Springen beigebracht. Ich befürchte nur, dass dem Paul jetzt langsam die Zeit ausgeht, weil sich sein Körper mehr und mehr gegen die Belastung wehrt. Paul war vor zwei Jahren noch Achter der EM, zwei seiner Bestleistungen stammen noch von dieser EM. Sein Absturz kostete die DEU einen Startplatz. Nikita Starostin war mit seinem 13. Platz der einzige Lichtblick im deutschen Kader. Ob er dann wirklich der große Hoffnungsträger wird, warten wir mal lieber noch etwas ab. Viel zu viele zukünftige Olympiahoffnungen habe ich in den vergangen Jahren verschwinden sehen, bevor sie überhaupt in der deutschen Spitze ankamen: Bock. Dastich, Marold, Prölss, Thomalla, Droysen, Hess, Stoll - die Liste ließe sich fortsetzen. Ihnen wurde früh die Zukunft des deutschen Eiskunstlaufs auf die schmalen Schultern gepackt und sie zerbrachen daran.
Selbst die deutsche Paradedisziplin Paarlauf konnte die Bilanz nicht aufhübschen. Platz acht für Hase / Seegert, vor zwei Jahren Fünfte und der 13. Platz von Hocke / Kunkel, vor zwei Jahren Siebte, kosteten einen Startplatz. Diesen verloren gegangenen dritten Platz durften in diesem Jahr Roscher / Schuster nutzen, die aber als 19. das Finale nicht erreichten. Hoffen wir, dass die Freude über die Teilnahme den möglichen Frust über das Ausscheiden überstrahlt. Ansonsten gilt für sie das, was schon über Starostin gesagt wurde.. Vielleicht war der Schaden durch die instinkt- und stillose Entlassung des Bundestrainers Paarlauf doch größer als gedacht. Der mentale Ausgleich soll ja eine Stärke von König gewesen sein. Die Paare hätten das nötig gehabt.

Wisst ihr wie der Nationaltrainer von Russland heißt? Der von Japan? Der von Kanada oder den USA? Nicht? Ich auch nicht. Wahrscheinlich gibt es dort keine,. Zumindest haben sie dann aber andere Aufgaben, als in Deutschland. Russland hat einen. Das ist entweder Kogan oder Lakernik. Genau weiß ich das nicht. Ist aber auch egal. Glaubt ihr, der Nationaltrainer würde einer Eteri Tutberidze sagen, wie sie zu trainieren hat? Oder einer Tamara Moskvina, einem Alexei Mishin? Im Leben nicht. Seine Aufgabe besteht in der Administration. Die Reisen vorbereiten, um die Visa und Hotels kümmern, etc. Sicher redet er auch bei der Nominierung der Kader für die großen Meisterschaften mit. In den anderen Ländern ist das nicht anders. Niemand wird einer Mie Hamada, einem Brian Orser oder einem Rafael Arutyunyan sagen, wie er sein Training zu gestalten hat. Deutschland leistet sich den Luxus von acht oder neun Bundestrainern, bei künftig noch fünf EM-Startplätzen. Sollte das Verhältnis nicht mindestens umgedreht sein? Es kommen ja auch noch reichlich Stützpunkttrainer hinzu. Angestellt oder auf Honorarbasis. Ein riesiger Wasserkopf für einen schmalen Unterbau. Bildlich sieht die DEU aus wie ET. großer Kopf, schmaler Körper. Das kann nicht funktionieren. Ich lasse mich aber gerne bei Olympia vom Gegenteil überzeugen.

Antworten 24

  • Ich gebe dir bei all deinen Punkten Recht!


    Ich habe auch das Gefühl, dass wir Fans des deutschen Eiskunstlaufs uns noch auf viel schwächere Plazierungen einstellen müssen.

    Gefühlt sind die letzten guten deutschen Läufer um die Jahrtausendwende geboren (Hase, Hocke, Kunkel und früher auch Dastich). Valieva ist Jahrgang 2006 und durfte vom Alter her schon starten. Ich fürchte, da wurde in Deutschland in den 00er Jahren einiges an Nachwuchsförderung verpasst. Und auch damals war man schon über die deutschen Leistungen enttäuscht, hätte handeln können...

    Wobei mir etwas auffällt, dass der fehlende deutsche Nachwuchs grob mit der Einführung von G8 zusammenfällt. Kann das zumindest eine Mit-Ursache sein?

  • U.a. darüber wurde schon 53 Seiten lang in einem Thread unter der Überschrift Eiskunstlauf in Deutschland - Perspektiven? geschrieben. Deshalb gehe ich hier nicht nochmal darauf ein, bringe stattdessen lieber den Hinweis auf eine gute Nachwuchsgeneration, die schon bei der DNJM ein paar kleine Ausrufezeichen setzen konnte.

    Sie trainieren überwiegend in Russland und müssen weniger Zeit in der Schule verbringen, also ein klares "Ja" für die Schule als Mit- Ursache! Wollen wir hoffen das uns diese Generation nicht so stark wegbricht. Sie sind erst zwischen 10 und 14 Jahre alt und in Kürze bei den Bavarian Open zu sehen.

  • @yogacat- ja, es wird der russische Einfluss, der hoffentlich in Deutschland auch das Training revolutioniert !

    Wie man sich bewegt ist auf dem Eis der Knackpunkt - genau diese Bewegungsmuster von Anfang an zu lernen ist entscheidend. Für mich persönlich geht mein ausdrücklicher Dank an Plushenko, der in einem Kinder-Einstiegstraining gezeigt hat, wie man sich bewegen muss und entsprechende Übungen den Kindern gezeigt hat. Nach diesem Video war mir klar, dass mein bisheriges Skaten Mist war.


    Jedes russische Training ist auf diesem richtigen Bewegungsmuster basiert, die Kindern lernen von Anfang an den richtigen Weg. Manche Mädels aus dem hiesigen Eislaufverein auf unserer Eisbahn versuchen 1Axel, dass man Angst haben muss, ob die noch aufstehen vom Eis.

  • Lieber Karl-Heinz, besser kann man die Situation nicht darlegen. Kurzum; es ist ein Trauerspiel. Paul Fentz die Unterstützung genau in der Olympiasaison zu entziehen, ist einfach nur niederträchtig. Bei 1000 Euro Unterstützung bist du in Berlin noch immer Aufstocker. Und für wen soll Starostin einen zweiten Startplatz erlaufen, wenn man Fentz kaltstellt? Zu Nicole ist alles gesagt. Sie tritt auf der Stelle, während die anderen an ihr vorbeirauschen. Wenn sie läuft, wirkt es, als würde sie die ganze Zeit rechnen oder andere wichtige Dinge im Kopf durchgehen. In der Musik ist sie nicht.

    Wie man das alles ändert, wissen Insider besser. So, wie Du, Karl-Heinz, es beschrieben hast, erinnert mich das Ganze an eine Karikatur aus alten Zeiten. Auf einer Galeere stehen 10 Leute herum, palavern und diskutieren, warum es nicht vorangeht. Und unten sitzt Einer, der rudert.

    Ein bißchen Spaß muss sein. 😉

    Die Funktionäre sitzen fest im Sattel und merken nicht, dass sie den Gaul unter sich totgeritten haben.

  • Der Smiley ist natürlich für den Galeerenwitz, nicht für das DEU Thema an sich. Scheinbar trage ich trotz allem, was ich hier schon kritisiert habe, auch mmer ein Fünkchen Hoffnung mit mir rum und traue einer Handvoll Nachwuchsleuten ähnliche Steigerungen zu, wie wir sie in dieser Saison bei Starostin gesehen haben. Ansonsten stimme ich Karl-Heinz in vollem Umfang zu und mir gefällt auch der Vergleich Europa gegen den Rest der Welt. Einfach wird es nicht, das verloren gegangene Terrain, die verlorenen DEU Startplätze zurückzuholen.

  • Eine richtige Analyse von Karl-Heinz! Herzlichen Dank!

    Meines Wissens hat keine große Eiskunstlaufnation das System der Nationaltrainer, Russland auch nicht. Alexander Lakernik ist der Vize-Präsident für Eiskunstlauf im Eislauf-Weltverband ISU, also international tätig.

    Alexander Kogan ist der Hauptgeschäftsführer des russischen Eislaufverbandes, s. https://fsrussia.ru/federatsiya.html.

  • also ich bin als ehemalige Eislaufmutter neu hier im Forum.

    meine Tochter lief auch vor ca. 3 Jahren sehr erfolgreich in NRW.

    parallel hatte ich eine ältere Tochter die

    sehr erfolgreich im deutschem Nationalteam ruderte.

    Also hatte ich den Vergleich.

    mein Fazit des Eiskunstlaufens war. Aus meinen persönlichen Erfahrungen:

    meine zehnjährige Tochter hatte in Dortmund mehr Druck als meine erwachsene Tochter , die auch Weltmeisterschaften ging.

    Wir haben dann entschieden, dass uns die psychische Gesundheit unserer Tochter wichtiger als der Erfolg in dieser Sportart ist. Und das sollten wirklich viele Eltern bedenken.

    Auch wir haben dann versucht, in Belgien weiter zu trainieren, jedoch wurde meine Tochter daraufhin so von

    der Bundestrainerin missachtet, dass wir und ganz ehrlich gefragt haben, wofür wir eigentlich den ganzen Aufwand betreiben. und schließlich unsere Tochter zum Glück feststellte,

    dass sie vielmehr für den Sport aufbringt, als dass er ihr etwas zurückgibt und sie die Sportart wechselte.

    Es kann doch nicht sein, dass unsere kompletten besten Sportler im Ausland trainieren, unsere Steuergelder dafür ausgegeben werden und sich die Funktionäre in Deutschland trotzdem die Taschen voll machen.

    ich habe live mitbekommen, dass Trainer , die Neuerungen vornehmen wollten, total ausgebremst wurden.

  • @mutter 70

    Interessanter Beitrag!

    Kannst du sagen, warum der Druck im Eiskunstlauf höher war? Ich könnte mir vorstellen, dass es daran liegen könnte, dass im Eiskunstlauf schon im jüngeren Alter eine hohe Leistung erbracht werden muss? Ich kenne mich da aber zugegebener Weise beim Rudern als Leistungssport nicht aus..

  • ich denke, es ist das Alter.

    Man muss sich einfach bewusst sein, dass Nachwuchssportler im Eiskunstlauf einfach auch noch Kinder sind.

    sie bringen tolle Leistungen aber dennoch darf man nicht vergessen, sie sind noch jung. meiner Tochter wurde gesagt ( mit zehn) sie hätte keine Freunde auf dem Eis, weil sie so gut wäre... Die Realität war aber: Sie ist wegen ihrer Freunde nach Dortmund zum Training gegangen. Das war ihr mit zehn wichtig. Nicht die dreifachsprpünge, sondern das Umfeld.

    Sie musste ja eh drauf verzichten, sich mit ihren Freundinnen aus der Schule zu treffen. Die grösste Aufgabe ihrer Trainerin war, sie gegen ihr Mutter zu schützen ( das wurde mir wortwörtlich mitgeteilt) . Sowas kann ja gar nicht funktionieren. Es war wirklich ganz komisch und je länger ich mir das anguckte, umso mehr kam bei mir das Gefühl auf, dass das gar nicht gut für meine Tochter ist. Das gleiche Schema habe ich übrigens auch bei anderen Sportlern beobachtet. Zum Vergleich zum Rudern, kann ich folgendes sagen:

    Es wurde den Kindern Zeit gegeben sich zu entwickeln und vor allem der Gemeinschaftsgedanke im Verein wurde groß geschrieben. Der Verein war auf alle Sportler stolz und als der Druck kam, waren Experten zur Stelle. Es wurde gearbeitet Aber auch gefeiert es wurden Feten gefeitert und Freundschaften beschlossen.

    Es wurden Physiotherapeuten, Ernährungsberater zur Seite gestellt und vor allem es war eine sehr gute Kommunikation zwischen Eltern, Sportler und Trainer. ich kann mich noch gut erinnern, als meine Älteste in der Pubertät war und der Trainer mich regelmäßig anrief und fragte, was denn mit ihr los sei.... natürlich konnte ich ihm viel vom Seelenleben berichten und er konnte meine Tochter besser verstehen....und sie gut durch die Pubertät führen. Es wurde im Verein gelebt und zwar alle zusammen. Beim Eislaufen hatte ich immer den Eindruck , dass es zwei Klassengesellachaften gäbe, die die gut waren, und die die die

    Ansprüche nicht erfüllten. natürlich war beim Rudern auch Druck, aber da waren die Sportler 21 Jahre alt und halt keine Kinder!!!!

  • Sehr gut zusammengefasst, Dankeschön.

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