Deutsche Meisterschaft 2023: Der zweite Tag

Die gestrigen Leistungen der Meisterklasse-Läuferinnen und -Läufer sind nicht unbemerkt geblieben und so blieben bei den heutigen Entscheidungen doch einige Plätze mehr frei, als gestern. Dafür sorgten die Juroren für herrliche Einlagen mit völlig absurden Punktzahlen, die diverse Läuferinnen und Läufer in die Weltspitze katapultierten. Das Problem: Die Traumpunktzahlen korrespondierten nicht mit den gezeigten Leistungen. Sind denn die deutschen Juroren wirklich so extrem voreingenommen? Oder fehlt es ihnen doch einfach nur am internationalen Vergleich?


Der Reihe nach. Wie erwartet holte sich Nicole Schott ihren siebten Meistertitel und das verdient, denn sie machte weniger Fehler als ihre Rivalinnen. Gut war sie aber dennoch nicht. Wie schon im Kurzprogramm ließ sie uns auch heute vergeblich auf eine dreifach-dreifach Kombination warten, dazu stürzte sie beim dreifachen Flip. Insgesamt war das bestenfalls technisches Mittelmaß. Dazu bekam sie in den Komponenten fünfeinhalb Punkte mehr als Kristina Isaev. Eine internationale Jury sah vor kurzem beim Golden Spin of Zagreb die Essenerin nur zwei Punkte besser. Eigentlich müsste also in der Addition beider Programme auch nur eine mittelmäßige Note herauskommen. Falsch gedacht. Schott bekam 192.67 Punkte und hätte damit im Grand Prix Finale Kaori Sakamoto geschlagen und wäre nur gut dreieinhalb Punkte hinter Rika Watanabe und Loena Hendrickx ins Ziel gekommen. Haben diese Juroren jemals eine Weltklasse-Läuferin in Aktion gesehen? Vermutlich nicht. Isaev machte erneut eine ganze Reihe kleinerer Fehler. Vor allem waren gleich fünf Sprünge nicht vollständig gedreht. Mit 166.58 Punkten erhielt sie drei Punkte mehr, als bei ihrer Bestleistung. Auch das kann angesichts der vielen Fehler in beiden Programmen nicht richtig sein.


Ergebnis der Kür

Judges Scores

Endergebnis


Im Eistanz verteidigten Jennifer JANSE van RENSBURG / Benjamin STEFFAN mit 188.53 Punkten ihren Vorjahrestitel und wurden zum Zweiten Mal Deutsche Meister. Mit dieser Punktzahl hätten sie ihre Bestleistung um sieben Zähler gesteigert. Sie würden damit auf einem Level mit Allison REED / Saulius AMBRULEVICIUS, Marie-Jade LAURIAULT / Romain LE GAC und Kana MURAMOTO / Daisuke TAKAHASHI laufen. Inwieweit das der Realität entspricht, muss jeder für sich entscheiden. Die zweitplatzierten Charise MATTHAEI / Max LIEBERS erhielten 170.52 Punkte und hätten damit ihre Bestleistung um 36 Punkte gesteigert.


Ergebnis der Kür

Judges Scores

Endergebnis


Bei den Herren hat Nikita STAROSTIN den Sieg mit 226.69 Punkten noch aus dem Feuer gerissen und seinen ersten Meistertitel gewonnen. Er bekam reichlich Abzüge für den dreifachen Axel und den dreifachen Flip und zeigte wie angekündigt keinen Vierfachen. Ungewollt gab er damit Ivan Righini recht, der gesagt hatte: Warum soll ich mir für einen Vierfachen den Arsch aufreißen, wenn ich auch mit Dreifachen gewinnen kann. Starostins Punktzahl lag neun Zähler höher als seine Bestleistung die er bei der IceChallenge, einem Challenger-Wettbewerb aufgestellt hat. Des Rätsels Lösung sind auch hier die Komponenten. Starostin bekam in der Addition von Kurzprogramm und Kür in Oberstdorf zehn Punkte mehr als in Graz. Realismus geht anders. Glauben die Juroren eigentlich das ihre Phantasienoten dem Sportler in irgendeiner Hinsicht helfen? Der nach dem Kurzprogramm führende Kai JAGODA stürzte beim dreifachen Axel und beim Ansatz zu einer Pirouette, die damit ohne Punkte blieb. Aber auch seine erzielten 203.59 Punkte hätten eine Steigerung der Bestleistung um 15 Punkte bedeutet.


Ergebnis  der Kür

Judges Scores

Endergebnis


Im Paarlauf sicherten sich Annika Hocke und Robert Kunkel ihren ersten Titel, auch wenn es in der Kür nicht so gut lief, wie im Kurzprogramm. Die Kombination ging genauso daneben, wie der folgende zweifache Toeloop, der ein dreifacher hätte sein soll. Dazu gab es mit Ausnahme der beiden Hebungen überall nur Level drei, bei der Schlusspirouette sogar nur Level zwei. Reichlichg Luft nach oben also. Dennoch wurden auch sie mit einer neuen Bestleistung belohnt, die nun bei 193.88 liegen würde, eine Steigerung von acht Punkten. Im Grand-Prix-Finale hätten sie unter anderem Sara CONTI / Niccolo MACII, Deanna STELLATO-DUDEK / Maxime DESCHAMPS und Rebecca GHILARDI / Filippo AMBROSINI geschlagen und wären Dritte geworden. Bei allem Respekt ...

Ein Sturz beim Axel, der nur einfach gewertet wurde und Abzüge bei beiden Würfen trübten das Bild der Kür von Letizia ROSCHER / Luis SCHUSTER. sie erzielten 165.51 Punkte. Bemerkenswert: Mit Ausnahme der Todesspirale, da gab es Level drei, erhielten sie überall Level vier. In dieser Hinsicht haben sie Hocke / Kunkel bereits überholt.


Ergebnis der Kür

Judges Scores

Endergebnis


Vielleicht ist die Punkteflut auch gewollt. Damit lässt sich der Abstand zur Weltspitze spielend schnell aufholen. Wenn die Entwicklung so weiter geht, sehen wir spätestens in drei Jahren bei den DM die ersten Weltrekorde.


Am Vormittag gab es bereits einige Wettbewerbe im Nachwuchsbereich. Hier die Ergebnisübersicht.


Der Tag in voller Länge (funktioniert erst nach dem Ende des Schaulaufens und auch dann noch nicht gleich)

Antworten 7

  • In Sachen Punktevergabe hat sich Deutschland jetzt einfach nur an die Gepflogenheiten anderer Länder angepaßt und bei den Nationalen Meisterschaften sehr sehr wohlwollend bewertet.

    Da die Sportler ganz gut wissen, was ihre Programme in etwa wert sind, sehe ich da nicht so ein Problem. Früher wurden die dt. Sportler gern mal mit besonders kritischer Betrachtung demotiviert. Jetzt ist es so, wie überall. Kann man vielleicht positive Verstärkung nennen.

  • In Sachen Punktevergabe hat sich Deutschland jetzt einfach nur an die Gepflogenheiten anderer Länder angepaßt und bei den Nationalen Meisterschaften sehr sehr wohlwollend bewertet.

    und zieht daraus die falschen Schlüsse, siehe Presseschau von heute

  • Früher wurden die dt. Sportler gern mal mit besonders kritischer Betrachtung demotiviert. Jetzt ist es so, wie überall. Kann man vielleicht positive Verstärkung

    War noch im letzten Jahr so, weil die Jury international besetzt war. Das war so angefordert worden, zwecks Anerkennung irgendwelcher Punkte, egal.

    Es ist legitim und wäre schön, wenn es motiviert. Glaube auch das die Titelträger wissen, das man in Espoo noch eine Schippe drauflegen muss, wenn man die gleiche Punktzahl will. Schott braucht dafür eine 3/3 Kombi und keinen Sturz, Hocke/Kunkel haben sprungtechnisch nicht alles gezeigt, wenn es auch sonst sehr gut war. 156 Kürpunkte, da lehn ich mich jetzt mal aus dem Fenster, kann Starostin bei der EM für eine Kür mit nur einem sauberen 3fachen Axel bei der EM nicht einfahren. Den Journalismus begreife ich nicht vollumfänglich, sorry. Naja, diese düstere Zukunft Artikel kamen vielleicht auch nicht so gut an.

  • Schauen wir uns doch mal die nüchternen Fakten an. Bei der DM gab es in der Meisterklasse ganze 13 Teilnehmer. Mit den Verletzten wären es 17 gewesen, also vier im Schnitt pro Wettbewerb. Wir haben gute und international annehmbare Leistungen von van Rendsburg / Steffan und Hocke / Kunkel gesehen, mit Abstrichen von Nicole Schott. Die beiden jungen Paare klammere ich mal aus, deren Entwicklung muss man abwarten. Alles andere war doch schlecht bis unterirdisch. Seit Jahren verschwinden sang- und klanglos junge hoffnungsvolle Läuferinnen und Läufer, von denen man nie wieder etwas hört.

    Im Paarlauf hatte man Glück, dass Annika zum Wechsel überredet wurde. Eine Ausnahmesportlerin mit dem entsprechenden Ehrgeiz. Ansonsten verlässt man sich dort derzeit auf Russland. Mit Efimova läuft eine perfekt ausgebildete Russin für Deutschland und auch Minerva setzt soweit bekannt auf einen Russen. Den derzeitigen Paarlaufboom verdankt die DEU also nicht vorrangig der eigenen Arbeit, sondern Russlands Ausbildung. Ob das Modell dauerhaft tragfähig ist, muss sich erst noch zeigen.

    Auch der Meister der Männer ist nicht nur ein gebürtiger Russe, wie die Zeitungen schreiben, sondern auch russischer Staatsbürger und kein Deutscher.

  • Ohne Frage, die Menge der guten selbst ausgebildeten Sportler wird immer weniger und ich sehe auch keine Anstrengungen der DEU da etwas zu verändern.

    Nur auf aus dem Ausland (vor allem oder fast ausschließlich) "importierte" Sportler zu setzen macht den Sport in Deutschland weiter kaputt. Das sollte eigentlich die Ausnahme sein.

  • Kleine Randnotiz. Die Sportschau hatte heute Morgen den gleichen Hurratext wie die anderen im Angebot. Die Überschrift wie überall Eiskunstlauf im Aufwärtstrend. Inzwischen wurde die Überschrift um ein Wort ergänzt: Eiskunstlauf wähnt sich im Aufwärtstrend. Das ist dann eine ganz andere Aussage.

  • Seit Jahren verschwinden sang- und klanglos junge hoffnungsvolle Läuferinnen und Läufer, von denen man nie wieder etwas hört.

    Im Paarlauf hatte man Glück, dass Annika zum Wechsel überredet wurde.

    Genau, das ist es auch, was mich am meisten fassungslos macht. Das mal ein Leistungstief kommt, ist völlig normal, besonders nach Verletzungen. Die DEU braucht ein Konzept, wie man gemeinsam mit den Sportlern solch schwierigere Phasen durchsteht. Statt dessen lässt man sie links liegen. Wenn nur die Hälfte der guten Juniorinnen, die seit 2018 aufgehört haben, noch da wäre, hätten wir 2 volle Gruppen bei der DM gesehen.

    Zum Glück sind vor einigen Monaten wieder 2 JDM Medaillengewinnerinnen zum Paarlauf gegangen. <3 Viel Glück

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