Eiskunstlauftechniken - erklärt

Jenny mit [j]
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Re: Eiskunstlauftechniken - erklärt

Beitrag von Jenny mit [j] » Sa 10. Feb 2018, 11:07

Hallo Katrin, hab mir das Video mit Kristi Yamaguchi angesehen (die Witzveranstaltung).
Man hätte ja auch einfach mit "geradeaus-laufen" anfangen können (und der Fitness-Trainerin wärmere Sachen geben können)...
Meine Tochter hatte in den Weihnachtsferien einen kleinen Eiskunstlaufkurs über 3 Tage in Hannover, da waren erst mal vorwärtslaufen, Bögen/Kurven fahren und übersetzen dran. Und ich fand es erstaunlich, wie schnell die Kinder das teilweise gelernt haben. Erwachsene - auch mit Profilehrern - sollten auch so beginnen, ich finde, der Respekt vor dem Eiskunstlaufen der "Stars" wird dadurch nicht geschmälert

Katrin
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Re: Eiskunstlauftechniken - erklärt

Beitrag von Katrin » Sa 10. Feb 2018, 11:27

Hallo Jenni, ich habe mich vor wenigen Tagen mit einem Ski-langläufer unterhalten, der das erste Mal auf Langlaufbrettern stand. Er meinte, er müsse unbedingt einen Ski-Kurs machen.
Ich sagte ihm abschliessend: Wenn der Trainer was vormacht, was Sie nicht nachmachen können ( wie beispielsweise skaten ohne Stöcke ), nicht wundern, das kann am ersten Tag nicht funktionieren. Die Trainer wollen damit nur "angeben" , ihre Kompetenz vor den Schüler zeigen. Nicht ärgern, lieber denken: "Das kann ich mal später besser als Du."
So kommt mir dieses Video vor: Eiskunstlaufen als super schwer darzustellen. Reine Angabe. Das geht in die Unterhaltungs-Schiene, heisst, die Eislaufanfänger lächerlich zu machen und sich an ihren blöden Verrenkungen und Stürzen zu "erfreuen": So was hasse ich.

Katrin
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Re: Eiskunstlauftechniken - erklärt

Beitrag von Katrin » Mo 12. Feb 2018, 19:12

Der Artikel aus Karl Heinz Presseschau "Auf einen Sprung aufs Eis", ein Zitat:
Und wer nach einem Ausflug auf die Eisbahn Muskelkater hat – in den Armen vor lauter Ausbalancieren, weiss es sowieso: Eiskunstläufer müssen Zauberer sein.

Angst vorm Hinfallen ist der grösste Hemmschuh, Eislaufen zu lernen. Die Arme sind auf Spannung, um das drohende Hinfallen abzumildern.
Trotzdem probieren, den Stand allein aus der Hüfte zu machen: Tief durchatmen, Arme senken, Schultern entspannen, Knie beugen, Hüfte vorschieben und dann erst loslaufen. Man macht ja auch keinen Spaziergang und bekommt am nächsten Tag Muskelkater in den Armen. Man muss sich auf die Hüfte draufsetzen wie auf einen Stuhl (= über der Hüfte stehen) und genauso bequem weiterfahren, genauso bequem Pirouetten drehen und springen. Das ist keine Zauberei.

Der Test dafür, wie weit mans schon kann: Eine Linie vom Hockey nehmen und einbeinig nachfahren. Wenn man wackelt oder die Linie nicht halten kann, ist was falsch in der Körperhaltung.
Bei einem Training der Nebelhorn trophy Oberstdorf habe ich Nobunari Oda zugeschaut: Er ging aufs Eis, seine erste Übung war die Bahn der gesamten Länge nach zu fahren erst auf dem linken Bein, er drehte um, dann auf dem rechten Bein zurück. Und er stand dabei wie festgemauert. Eine Linie brauchte er nicht dazu, er fühlt, ob er genau zentral steht.

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Re: Eiskunstlauftechniken - erklärt

Beitrag von Katrin » So 4. Mär 2018, 12:18

Windsurfer ! Ist einer unter uns ? Wenn ja, Schwierigkeiten bei der Halse ? Hatte ich jahrelang.
Für Nicht-Windsurfer: Halse ist die Richtungsänderung vor dem Wind ( das Gegenstück ist die Wende, da fährt man in den Wind rein). Die Halse fährt man in der Grundtechnik in einem schönen runden Bogen, mittendrin schlägt das Segel von ganz allein um. In der Praxis sah das bei mir dann so aus:
Bogen angesetzt, indem ich die Innenkante des Brettes drückte ( ich beziehe mich immer auf Bretter ohne Schwert), schön mit dem ganzen Körper mich in die Kurve legte und mittendrin bremste das Brett und warf mich ab, keine Chance am Segel festzuhalten. Immer. Mein Standartsatz "Die Halse lern ich nie".

Rittberger: Eine schöne Rechts-Aussenkante, die linke Seite muss hoch sein. Damit die linke Seite hoch bleibt, lehne ich mich in den Bogen rein, schön mit dem Bogen mitgehen mit dem ganzen Körper. Irgendwie fühlt sich dabei die rechte Seite an als hätte sie massiven Druck, die Drehung ist verkrampft, die Landung auch. Schon beim 1 Lo.

Beides derselbe Fehler. Beim Windsurfen und beim Eislaufen.

Richtig ist beim Windsurfen, der Halse: Nur der Fuss drückt die Brettkante in die Kurve, der Körper und das Segel müssen gegen die Kurve gehen. Das gibt eine so stabile Kurvenlage, dass man währenddessen den anderen ein "hang-loose"schicken kann, das Segel hat keinen Druck, das kann ich mit zwei Fingern einer Hand halten.

Richtig beim Eislaufen: Nur der Fuss macht den Bogen. (Zitat einer meiner Eislauftrainerinnen).

Nachtrag: Gerade gesehen: Roman Zenhäusern, Slalom der Herren, ein zwei-Meter Mann, das meine ich damit, dass der Bogen nur ab den Knien abwärts gefahren wird.

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Re: Eiskunstlauftechniken - erklärt - Eiskunstlaufschuhe schnüren

Beitrag von Katrin » Mo 5. Mär 2018, 09:46

Wie man seine Eiskunstlaufschuhe richtig schnürt von Max Aaron.

Was ich allerdings nicht so gern hab ist diese grosse Schleife, die Max macht, die hängt runter und kommt auch unter der Hose hervor und ich hab immer das Gefühl, ich könnte mich drin verhängen. Ich gehe bei zweien der obigen drei Haken den Weg einfach nochmal nach und krieg so eine viel kleinere Schleife, deren beide Enden ich nochmal verknote ( seemännisch würde man sagen "nen halben Schlag obendrauf geben") . Die Haken sind breit genug, das Schnürbändel zweimal aufzunehmen, die zweite Lage rutscht auch nicht raus.

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Re: Eiskunstlauftechniken - erklärt

Beitrag von Katrin » So 8. Apr 2018, 11:45

Diesmal erkläre ich nicht, diesmal stelle ich eine Frage vor allem an die Fachleute, die Technik-Fachleute unter unseren vielen Lesern.

Warum wandert die Sprungachse bei manchen Läufern und bei manchen nicht ?
Beipiel: In diesem Video über Nathan Chen's 4 fach Lutz wird gesagt und grafisch auch gezeigt: Er spring ab in einem Winkel und das momentum trägt in in eine aufrechte Landeposition.
Nathan landet sicher.

Vorweg: Es ist klar, dass man über der Hüfte abspringen muss. Vor allem braucht man das Bewusstsein, wieviel Rotationen man nun hinter sich hat in der Luft, also das was man als Basis lernt: Erst eine Vierteldrehung springen, dann eine halbe, eine ganze, dann eineinhalb, zwei, dass weiss der Körper später dann intuitiv.
Klar auch, dass es eine Sprungkurve ist. Letztlich müsste man nur über der Hüfte bleiben und die Sprungkurve trägt einen automatisch richtig hin zur Landung. Das verstehe ich unter "momentum": In dieser ballistischen Kurve bleiben.

Beipiel 4 Lutz: Nathan Chen und Bojang Jin sind relativ sicher in diesem Sprung. Mikhail Kolyada hat regelmässig eine wandernde Achse, die in in der Landung nach hinten fallen lässt. Yuzuru Hanyu dagegen stemmt manchmal seinen rechten Fuss = seine Achse so rein, dass die nicht mitgehen kann im Sprung.

Meine Erklärung für Hanyu's häufige Vorlage bei seinen 4f Lutzens und auch bei manchen 4f Rittbergern: Er stemmt sich rein und will einfach nur hoch und drehen und geht so im Kopf, in seiner Visualisierung gegen ein Fallen der Sprungkurve = gegen das Momentum, das ihn senkrecht über sein Landebein bringt. Heisst: Hanyu will nicht landen. Ich denke so ein brutales Dichthalten macht er nur, wenn er den Sprung mit Gewalt will, wenn er unsicher ist oder nicht ganz in Form.
Hanyu hat in einem Interview vor seiner Verletzung durch den Sturz beim 4 L letzten Herbst ( wo seine Achse viel zu schräg war) über seinen Lutz gesagt: Ich weiss selbst nicht, manchmal geht er, manchmal nicht, ich stehe selbst vor einem Rätsel.

Meine Erklärung für Kolyadas ( leider ständige) Stürze nach hinten beim 4 Lutz in der letzten Saison: Kolyada geht auch gegen einen Bogen, er will wie Hanyu nicht landen, er denkt sich: Ich springe weit- ich will in dieser einen Ebene bleiben - weit - weiter - und wartet auf die Landung.

Wenn ich das Video wiederfinde poste ich es hier: Auch Plushenko hatte manchmal bei seinen Sprüngen so ein optisch gefährliches Achse-Wandern, da hielt man während er sprang die Luft an, aber Plushenko landete fast immer recht sicher. Also: Das Achse-Wandern kann auch "die Leut erschrecken" und der Läufer lacht sich eins. Das sind aber in der Regel Sprung-Künstler.

Nathan und Bojang dagegen akzeptieren das Fallen der Sprungkurve und landen sehr häufig und sehr sicher.

Wie wichtig die Visualisierung ( das Bild das man im Kopf von einem Sprung hat) ist, weiss ich halt nur aus meiner Erfahrung mit dem Axel: Wenn ich nur an seitlich abspringen denke, wird er nichts. Da fehlt zum einen schon im Ansatz das "nach oben" und zudem mangelt es an Körperspannung, die das linke Bein ranzieht in der Drehung. Ich muss an "seitlich Treppe nach oben" denken, dann stelle ich mir vor, mit dem Rücken in den Kreis einzudrehen.

Was sagen die Experten zu der wandernden Achse ?
Bitte dies einmal nur eine Rückmeldung !

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Re: Eiskunstlauftechniken - erklärt

Beitrag von Katrin » Mo 9. Apr 2018, 11:06

Nachtrag zu Nathan und Yuzuru's 4 L:
Henni und ich haben uns gestern den Kopf zerbrochen, warum Yuzuru's 4 L so seltsam aussieht im Absprung.
Ergebnis: Yuzuru hat eine sehr eigene Technik. Er lässt die rechte Seite nicht mitrotieren im Absprung, dadurch hat er letztlich oft beim Lutz eine schiefe Achse.

Nathan hat schon seine Arme ganz anders, auf Rechts-Achsen-Haltung.
Anlaufhaltung Chen und Hanyu.png
Anlaufhaltung Chen und Hanyu.png (829.35 KiB) 198 mal betrachtet
Nathan sticht 45 Grad ein mit der rechten Zacke, Hanyu nicht.
1 Absprung 4 Lutz  Chen und Hanyu.png
1 Absprung 4 Lutz Chen und Hanyu.png (842.37 KiB) 198 mal betrachtet

Katrin
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Re: Eiskunstlauftechniken - erklärt

Beitrag von Katrin » Mo 9. Apr 2018, 11:13

Nathans rechte Hüfte rotiert so mit im Hochziehen.
Hanyu zieht in der Folge seine linke Hüfte hoch, lässt die rechte stehen ( kann nur er mit seiner beweglichen Hüfte so extrem), so erzeugt er Spannung für das Eindrehen.
2  Vergleich Absprung 4 Lutz Chen und Hanyu.png
2 Vergleich Absprung 4 Lutz Chen und Hanyu.png (1.03 MiB) 198 mal betrachtet
Die unterschiedliche Kopfhaltung zeigt wo beide ihre Achse haben, bzw wo sie sie hinhaben wollen (Visualisierung).

Zwei vollkommen unterschiedliche Auffassungen, wie man einen Lutz zu springen hat. Wobei die von Nathan lehrbuchmässig anerkannt ist. Statt Nathan hätte ich hier auch Bojang's Lutz zeigen können, also nichts für ungut an die Bojang-Fans !

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