Eiskunstlauf - Kunst oder Sport ?

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Tarancalime
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Re: Eiskunstlauf - was ist Kunst ?

Beitrag von Tarancalime » So 22. Dez 2019, 23:33

Katrin hat geschrieben:
Di 26. Nov 2019, 11:50
Matthias hat geschrieben:
Di 26. Nov 2019, 03:12
...Hanyu strahlt zwar auch was aus, ist aber eher um Kunst bemüht, als wirkliche Kunst (ist eher Kitsch, schon von der Musikwahl her).
...
Hab das sehr interessante Thema hierhin verfrachtet.

Stimme Dir zu, Matthias was Hanyu betrifft: Hanyu hat sich eine Art von Kunst erdacht mit Formen aus dem japanischen und westlichen Bereich. Das ist zuviel "Erdachtes", gefällt mir auch nicht. Er ist eigentlich ein showman, der nur für den Beifall der Zuschauer skatet. Die Szene, wo er den Blumenmädels während der 2019 NHK Kür zulächelt, das ist echt, das wäre eher er selbst.

Wieviel Formen braucht die Kunst und wann ist Kunst Kitsch ? Anders gesagt: Wann sind da so viel Stereotypen in der Darstellung, dass es übertrieben, überzogen wirkt ?

Beispiel Theaterbühne: Ein Künstler ist ärgerlich. Dazu braucht er die passende Körperhaltung, den Gesichtsausdruck. Man könnte denken: Je weniger Stereotypen der Künstler einsetzt, umso mehr Kunst ist das - also: Ein Zucken im Mundwinkel reicht. Brüllen, Schnaufen, auf den Tisch hauen ist zuviel.
Aber: Wen stellt der Künstler dar ? Da kann das Brüllen und Schnaufen durchaus passend sein.
Und: Sieht der Zuschauer überhaupt eine minimalistische Bewegung, ein ärgerliches Zucken im Mundwinkel, so weit weg auf der Bühne ?
Und: Welche Zuschauer sind anwesend: Die high society der selbsternannten Kunst-haute-volee oder der sogenannte Durchschnittsbürger ?
Und: Was liegt im Moment im trend künstlerisch - siehe Aymoz, der verkörpert diesen französischen art - Stil ( den genauen Namen wüsste Tarancalime ).
Und: Was kann der Künstler darstellen ohne dass es unecht wirkt ?
Und: Fordern die Zuschauer ein bestimmtes, einmal geprägtes Bild eines Schaupielers, wird sein Spiel so zum Markenzeichen, dass er anders nicht mehr akzeptiert wird ?
Sehr viele wenn und aber und kommt drauf an.

Meine Meinung zum Eiskunstlauf: Wenn Takahashi Disko tanzt, ist das für mich Kunst, weil: Das sind passende Sterotypen. Takahashi kann auch die leisen Bewegungen (show Hyoen). Takahashi ist mein Fall, jedenfalls das war er im Moment macht.

Zu Shoma: Er hat nur einen Stil - das Ätherische. Er ist echt von seiner Persönlichkeit her. Aber zu weit weg für mich.

Echt ist auch Samarin: Finde gut, dass er sich keine Stereotypen aufpappt, er ist auch im wirklichen Leben ein sehr korrekter folgsamer Typ. Aber auch er berührt mich nicht.

Abschliessend:
Den Kopf zerbrechen was ist Kunst und was ist Kitsch haben schon viel gescheitere Köpfe als ich gemacht und sind zu keinem abschliessenden Ergebnis gekommen.
Darf ich keine Sonnenuntergänge mehr fotografieren, weil das als Kitsch verschrieen ist ? Aber das ist doch pure Natur, darf man den Moment nicht um des Moments willen geniessen und muss gleich was reininterpretieren ?

Also geniesse ich beim Eiskunstlauf den Moment, der mich gerade heute und jetzt berührt und lasse die anderen Momente, die mich nicht berühren, vorbeiziehen.
Und schenke mir die Überlegung "war das nun Kunst oder war das Kitsch?"
Aymoz hat Elemente aus dem Freestyle mit Contemporary Dance in seinen Küren. Dave von TSL sagt immer "that is French Art" dazu......:-))) eben unverwechselbar. Genau wie Papadakis/Cizeron mit ihrer Spoken Word Kürtanz. Ihre Mozart Kür, mit der sie zum 1. Mal Weltmeister wurden, ist eine direkte Adaption eines Balletstückes namens Le Parc.

Matthias
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Re: Eiskunstlauf - Kunst oder Sport ?

Beitrag von Matthias » Mo 23. Dez 2019, 01:21

Für Aymoz ist EKL eine Möglichkeit, sich auszudrücken - ein künstlerischer Ansatz:

https://www.inthelopodcast.com/news/201 ... evin-aymoz

Natürlich ist immer noch die Frage, was dann daraus wird.
Zumindest beinhaltet Kunst, da sie die Wahrheit des Menschen ausdrückt - die conditio humana -, auch das Zurschaustellen von Verletzlichkeit, und das haben bestimmte Läufer nicht; sie sind ausschließlich "dominant", in dem, was sie ausdrücken. Klar kann man auch mal einen "heißen Feger" hinlegen, aber das bleibt dann eben ein "heißer Feger".
(@Karl-Heinz: wie war das noch mit "sich den Mund verbrennen"? :) )

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Re: Eiskunstlauf - Kunst oder Sport ?

Beitrag von Matthias » So 5. Jan 2020, 15:13

Matthias hat geschrieben:
So 22. Dez 2019, 03:21
Ich hatte mich schon gefragt, ob es nicht irgendwo eine Kooperation zwischen Ballettchoreographen und Eiskunstläufern gäbe ...
Damit hatte ich gemeint, ob die Stars der Ballett- und Tanztheaterszene, also des Bodentanzens, auch Küren für Eiskunstläufer choregraphieren? Solche Leute sind Bewegungsgenies, die finden bestimmt schnell heraus, was beim Eiskunstlauf technisch geht und was nicht.
Sollte hier ein verantwortlicher Trainer mitlesen: fragen Sie doch mal John Neumeier, den Leiter des Hamburg Balletts, oder Sasha Waltz in Berlin, ob sie Ihrem Läufer oder Ihrem Paar eine Kür choreographieren.

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Re: Eiskunstlauf - Kunst oder Sport ?

Beitrag von Corafan » So 5. Jan 2020, 20:49

[…] ob die Stars der Ballett- und Tanztheaterszene, also des Bodentanzens, auch Küren für Eiskunstläufer choregraphien?
Antonio Najarro

z.Bsp. für Javier Fernández "Malagueña"

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Re: Eiskunstlauf - Kunst oder Sport ?

Beitrag von Tarancalime » Mo 6. Jan 2020, 10:11

Matthias hat geschrieben:
So 5. Jan 2020, 15:13
Matthias hat geschrieben:
So 22. Dez 2019, 03:21
Ich hatte mich schon gefragt, ob es nicht irgendwo eine Kooperation zwischen Ballettchoreographen und Eiskunstläufern gäbe ...
Damit hatte ich gemeint, ob die Stars der Ballett- und Tanztheaterszene, also des Bodentanzens, auch Küren für Eiskunstläufer choregraphieren? Solche Leute sind Bewegungsgenies, die finden bestimmt schnell heraus, was beim Eiskunstlauf technisch geht und was nicht.
Sollte hier ein verantwortlicher Trainer mitlesen: fragen Sie doch mal John Neumeier, den Leiter des Hamburg Balletts, oder Sasha Waltz in Berlin, ob sie Ihrem Läufer oder Ihrem Paar eine Kür choreographieren.
Die Ice Academy Montreal hat hauptamtliche Balletmeister und Theaterchoreografen im Team. Marie-France Dubreuil hat in Montreal sehr enge Kontakte zur Kultur- und Theaterszene in Kanada und auch in Frankreich.

Ausserdem gibt es in Montreal eine Eislauftruppe namens Le Patin Libre, die sich auf Contemporary dance auf dem Eis spezialisiert hat. wer weiss, da wird es in Zukunft möglicherweise Kooperationen geben......;-)

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Re: Eiskunstlauf - Kunst oder Sport ?

Beitrag von Katrin » Do 30. Jan 2020, 16:35

Wer sich durch diesen Artikel durchgelesen hat, ist schlauer hinterher, muss aber auch danach mal spazierengehen, das Ding ist lang.
Danach glaubt man wirklich an Verschwörungstheorien, wie sie häufig schon in diesem Forum auch geäussert wurden, die Parteiigkeit der Kampfrichter; man sieht danach hinter jedem Busch einen Bären sitzen. Zu Recht - siehe das Schlusswort von Rafael Arutunjan.

Es ist ein russischer podcast von Pavel Kopachev, Herausgeber von Sports.ru.; seine Gäste sind Marina Krylova, Redakteurin von Match TV, jetzt Sport24-Website, und Polina Krutikhina, Stammgast mit viel Wissen um Eiskunstlauf.
Die Übersetzungen mit imtranslator habe ich hier reinkopiert und nur in den allerschlimmsten Fällen das treffende deutsche Wort eingefügt.

Wieviel Kunst und wieviel Sport ist drin im heutigen Eiskunstlaufen ?
Marina Krylova: Eiskunstlauf ist für mich zu 70 Prozent Sport, 30 Prozent Kunst. Da es cool ist, einen Eindruck zu bekommen, können wir die künstlerische Integrität eines Programms bewerten. Wir können über Gefühle, Musik und komplexe Choreografie sprechen, aber wir schauen immer noch Eiskunstlauf, weil dies ein Wettbewerb ist.

An was erinnern sich die Zuschauer nach einem Programm - die Kunst oder den Kleiderwechsel wie bei Scherbakova ?

Was bei Kampfrichterbewertungen mitschwingt:
Krutikhina: ..Die Bewertungen werden von vielen anderen Faktoren beeinflusst, die in den Regeln niemals aufgeführt werden. So groß ist der Trainer des Athleten, wie wichtig der Verband für die internationale Skating Union ist, denn es ist kein Geheimnis, dass die japanischen, amerikanischen, kanadischen und russischen Verbände den Eiskunstlauf dominieren. Dies sind unausgesprochene Faktoren, die bei der Beurteilung jedoch nicht weniger eine Rolle spielen als die Gefühle eines Partners. Das ist also das Hauptproblem des Eiskunstlaufs und zugleich sein Reiz, weil wir diesen Sport nicht absolut objektivieren können.

Gleichwohl wird diese Subjektivität auch dann bestehen, wenn wir die Eisbahn mit verschiedenen Kameras umgeben, wenn wir Sensoren an den Schlittschuhen anbringen. Wenn einige Indikatoren objektiviert werden können, bleibt die Subjektivität bestehen.
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Wenn ein Skater, ein zweifacher Weltmeister, aus einem angesehenen Verband stammt, er einen angesehenen Trainer hat - egal ob Eteri Tutberidze oder Brian Orser -, wird er loyaler bewertet als ein Eiskunstläufer aus dem durchschnittlichen Deutschland, der mit einem unbekannten Trainer trainiert, der keine ernsthaften Titel hat, auch wenn er ein Programm des Lebens ausgibt und echt cool skatet.


Weiter geht es um das Problem, dass die Kampfrichter eine Saison alles durchlassen und dann wieder nicht, falsche Kante geben en masse oder unterrotiert, der russische Verband hat sich schon beschwert, weil er seine Eisläufer benachteiligt sieht.

Noch einige andere Punkte werden angesprochen, kann sich jeder selbst dransetzen, das zu lesen.

Kopatschow: Ich werde mit den Worten des Vorgesetzten Rafael Harutyunyan, der in Amerika arbeitet, über das Schiedsrichterhandeln schließen. Er schrieb speziell seinen Satz: „Solange Menschen urteilen, keine Maschinen, wird jedes System unvollkommen sein.“

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Re: Eiskunstlauf - Kunst oder Sport ?

Beitrag von Tarancalime » Fr 31. Jan 2020, 15:45

Dazu dann noch das, was The Skating Lesson auf seinem Youtube podcast kommentiert. Da rollen die beiden ja auch einiges an Hintergründen auf.

das zusammen erklärt z.B. schon warum Alexander König in Graz nicht in der K&C sondern durchweg hinter den Kulissen in Sachen Paarlauf netzwerktechnisch unterwegs war......

In sachen Kanten weiss ich aber auch nicht, was der russische verband da zu mosern hat, beim Eistanz hatten die jemand da sitzen die aus 100 m noch ne falsche Kante im keypoint sieht ;-)))) das weiss ich nur zu gut! ;-)

Dafür gibt es eben auch die Gesetze der Spieletheorie eben weil die Subjektivität imemr eine rolle spielen wird. Wenn alle Verbände sich dessen bewusst sind und imemr weider mal die Spielregeln erwägen, überprüfen und Evidenz anschauen, wäre da schon viel Druck aus dem kessel raus. Aber das bestimmte Verbände sich aufgrund ihrer Machtposition durch Siege etc. Sachen rausnehmen und meinen die gemeinsam vereinbarten Spielregeln gälten für sie nicht (siehe grade aktuell im amtsenthebungsverfahren Trump als erschreckendes beispiel) da hört halt der Spass auf.

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